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WIENER FESTWOCHEN / Akademietheater: TANZENDE IDIOTEN

Surreale Sterbe-Szenen

18.05.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos:  Armin Smailovic

WIENER FESTWOCHEN / Akademietheater:
TANZENDE IDIOTEN von Thorsten Lensing
Weltpremiere Jänner 2026, Berliner Festspiele
Premiere in Wien: 18. Mai 2026  
     Surreale Sterbe-Szenen

Die Wiener Festwochen haben auf dem Theatersektor ihre beiden Eigenproduktionen geliefert, nun beginnt die Reihe der Gastspiele. Aus Berlin kam ein nicht formal, aber inhaltlich zutiefst seltsamer Abend, der sich nicht unbedingt erschließt. Nur dass es ums Sterben geht, das ist bei den „Tanzenden Idioten“ des Thorsten Lensing klar, des Regisseurs, der sich seit einigen Jahren seine eigenen Texte schreibt.

In Österreich ist man ihm vor vier Jahren mit dem Stück „Verrückt nach Trost“ bei den Salzburger Festspielen begegnet. Die Darsteller Ursina Lardi, Sebastian Blomberg und André Jung, die damals mitwirkten und auch bei seinem jüngsten Werk wieder dabei sind, zählen zum festen Kern einer Truppe, die sich voll auf des Autor / Regisseurs Ideenkosmos einlässt und zur Dichte des Gebotenen beiträgt..

Ausgangspunkt der Geschichte waren für Lensing Sätze und Figuren des amerikanischen Autors Denis Johnson, von dem auch die Formulierung von den „tanzenden Idioten“ stammt, die als Titel nicht unbedingt überzeugt. Dass die hier aufgebotenen Menschen Überlebende einer Katastrophe sind, steht in allen Pressetexten, geht aber aus der Geschichte nicht explizit hervor.

Diese handelt vom Sterben, in einigen Szenenblöcken angeboten. Zu Beginn schleicht ein „Kater“ über die Bühne und tut, was ein stolzes Tier eben tut (auch Unappetitliches fressen), Dann lernt man Goldie kennen, die mit wilden Bau-Aktivitäten (eine Holzwand wird erinnert, eine Art kleiner Gabelstapler dient ihr als Gefährt – und Benjamin Eggers-Domsky und Willi Kellers sorgen für das jeweils nötige Personal) den Tod aufhalten will, auf den sie sich zurobbt, denn sie kann ihre Beine nicht mehr benützen. Dass sie Kater Apollo allein lassen muss, versucht sie dem Tier (das natürlich ein Mensch ist, eine irrwitzige Leistung von Sebastian Blomberg) beizubringen.

Dann tauchen ihr alter Vater mit neuer (alter) Freundin auf – Glanzleistungen von André Jung und Karin Neuhäuser. Was die beiden aus ihrem Leben erzählen, wird zum skurrilen Oldie-Kabarett, wobei sie auch noch eine Szene in einem Kajak hinlegen –  synchron zu paddeln, will schließlich geübt sein. Dass sie sich bei ihrem Geplänkel so richtig um Goldie und ihr Sterbenkümmern würden, kann man nicht feststellen.

Nach der Pause schlüpft Goldie in einem Raumanzug und fliegt mit Apollo zum Mond – realistisch war die Geschichte ja nie gemeint. Hier kann sie, da es keine Schwerkraft gibt, wieder gehen, der Kater kann es plötzlich auch und ist nun des Sprechens mächtig… wieso er plötzlich Neil Armstrong sein soll (und mit einer Kamera kämpft), gehört zu den vielen kleinen Absurditäten des Abends.

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Die Szene verwandelt sich in eine Sauna, wo es bereits sehr slapstickartig zugeht, und mündet (mit Hilfe des Musikers Willi Kellers) in eine so ausführliche wie wilde Tanzszene, bevor es für Goldie dann tatsächlich ans Sterben geht..

Und Ursula Lardi. die an dem Abend an Stille und Intensität, aber auch lauter, wilder Expressivität (mit ohrenquälenden Schreien) alles gezeigt hat, macht atemlos, wenn sie gewissermaßen zum Atmen aufhört… Der Kater, anfangs beleidigt, dass sie nicht kommt, muss am Ende begreifen, dass sie gar nicht wieder kommen wird. Womit sich der Rahmen geschlossen hat.

Am Ende gab es sehr viel Beifall für herausragende darstellerische Leistungen. Ob sich diese surrealen Sterbe-Szenen jedermann erschlossen haben, bleibe dahin gestellt. Mit Logik begreift man den Abend jedenfalls nicht. Aber auf einer höheren Ebene des Theaters macht vielleicht auch Un-Sinn Sinn.

Renate Wagner

 

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