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WIENER FESTWOCHEN / Akademietheater: KASSANDRA

Ach Kassandra…

04.06.2026 | KRITIKEN, Theater

kassandra gruppe 2~1
Fotos: Wiener Festwochen

WIENER FESTWOCHEN / Akademietheater: 
KASSANDRA
OR SONGS OF THE CANARIES
Maxim Gorki Theater (Berlin)
Weltpremiere April 2026
Premiere bei den Wiener Festwochen: 3. Juni 2026

Ach  Kassandra…

Zuschauer, kommst Du ins Theater – so lass Dich erst einmal anschreien. Du verdienst es in den Augen der so diversen Gruppe, die da auf der Bühne steht. Sie treten im Namen von „Kassandra“ an, aber die Trojanische Prinzessin, die mit ihren düsteren Prophezeiungen ihre Familie ebenso genervt hat wie die Griechen, hat mit dem Projekt der polnischen Regisseurin und Autorin Marta Górnicka gar nichts zu tun. Sie transportiert unter diesem Titel nur 70 Minuten lang düstere Gegenwarts-Agitprop.

Milo Rau, der auf seine dezidiert deklarierten „linken“ Festwochen so stolz ist, sich aber nicht traut, mit einem Kapitalisten zu diskutieren, setzt bei seiner Programmauswahl auf verlässliche Mitkämpfer. Das Berliner Maxim Gorki Theater ist schon programmatisch ein solches, und folglich landete „Kassandra or Songs of the Canaries“ als Festwochen-Gastspiel im Wiener Akademietheater. Der Untertitel bezieht sich auf das „poetische“ Statement der Autorin / Regisseurin, „Solange die Kanarienvögel weiter singen, sind wir am Leben.“ Und um gleich bei den Zitaten zu bleiben, der Abend, wieder mit großartigen Kritiken geschmückt („ein performatives Manifest“), ist von Marta Górnicka als „Lied der Ermächtigung“ gemeint, als Stimme für die Outcasts.

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Die Künstlerin, für ihre „einzigartig kraftvollen Sprechchöre berühmt“, bringt also eine bunte Schar von etwa zwei Dutzend Personen (darunter Kinder, die man leider gar nicht versteht, wenn sie Sprechpassagen haben) auf die Bühne, um chorisch ihre Anliegen skandieren zu lassen (die man auch nicht immer versteht, zumal wenn viele der Beteiligten offenbar nur Englisch sprechen, aber es gibt ja Übertitel). Solange sie als „Chor“ agieren, sprechend, singend, tanzend, in den phantasievollsten Kombinationen, immer wieder voll Aggression, sind sie so perfekt und überzeugend, ja, geradezu mitreißend, dass sie in jeder Musical-Produktion vermutlich viel Geld verdienen könnten.

Aber die Form ist ja nur die Hülle. Tatsächlich geht es um die Situation der Benachteiligten und Ausgegrenzten, also der Migranten und Asylanten, Da werden die Reizworte ins Geschehen geworfen, das „Stadtbild“, das die Linken Friedrich Merz bis ins Grab nachtragen werden, oder die „Abschiebungen“, zu denen sich neuerdings sogar die EU verstehen will („damit sich die Deutschen wieder wohl fühlen“)…

Es folgt das übliche Ritual, das wir von Milo Rau hinlänglich kennen, dass einzelne Protagonisten hervortreten und ihre eigenen Schicksale erzählen.  Die kalkulierte Betroffenheit setzt natürlich ein, wer würde wagen, hier seine Anteilnahme zu verweigern?

Jeder Mensch hat ein Schicksal, aber vielleicht sollte man auch jene befragen, die durch Migranten-Gewalt schweren Schaden genommen haben, damit nicht nur eine Seite der beiderseitigen Opfer-Geschichte erzählt wird? Ach, Kassandra, hätten wir Dir nur geglaubt, als Angela Merkel mit ihren „Wir schaffen das“ gekommen ist… Um dann achselzuckend zu meinen; „Jetzt sind sie eben da.“ Ja. Ach, Kassandra…

Selbstverständlich heftiger Beifall des Milo Rau-Publikums.

Renate Wagner

 

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