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Wiener Festwochen: AJAX & LITTLE ILIAD

04.06.2015 | KRITIKEN, Theater

Ajax jpg Fotos: Wiener Festwochen

Wiener Festwochen im Schauspielhaus: 
AJAX & LITTLE ILIAD
Text von Evan Webber
nach den Tragödien Ajax und Philoktetes von Sophokles
Koproduktion Evan Webber & Frank Cox-O’Connell, Toronto, in Zusammenarbeit mit Harbourfront Centre, Toronto. Mit Unterstützung von Cork Midsummer Festival, The Banff Centre
Premiere im deutschsprachigen Raum: 4. Juni 2015

Klein, aber fein ist das Unternehmen, mit dem vier kanadische Herren, schon mit einigem Gastspielruhm bekränzt, bei den Wiener Festwochen einliefen. Gespeist aus großen Vorlagen des Sophokles, auf heutiges Diskussionsniveau gebracht und in kammerspielartigem Rahmen geboten, geht es mit leichter Hand um ein schweres Thema: Krieg.

Es gibt zwei Vorstellungen (à eineinhalb Stunden) täglich, weil das Unternehmen nur für ein paar Dutzend Zuschauer gedacht ist, die auf der Bühne Platz nehmen – und im zweiten Teil gar, mit weißen Masken auf dem Gesicht, für den griechischen Chor stehen sollen…

2011 haben der sich Schriftsteller und Performance-Künstler Evan Webber und der Regisseur und Schauspieler Frank Cox-O’Connell in ihrer Heimatstadt Toronto zu einer Compagnie zusammen geschlossen, die verschiedenste Projekte realisiert – und als sie hörten, dass das Pentagon Kriegsstücke von Sophokles benützt, um ihre Soldaten, die mit allen möglichen seelischen Schäden aus dem Irak- und Afghanistan-Krieg zurückkehren, mit Literatur zu „behandeln“, gab dies den Anstoß für dieses Projekt.

Sophokles und der Krieg, in seinem Fall der trojanische in den Stücken „Ajax“ und „Philoktetes“, und heutige Fragen zum Krieg, aber auch Fragen zum Theater als heilender Institution, hat Evan Webber nun in zwei brillanten Kurzstücken behandelt. Im ersten spielt er selbst einen Autor, der sich per Skype mit einem Freund unterhält, wobei sie das Schicksal des von den Kameraden (vor allem Odysseus) zurückgelassenen Philoktetes diskutieren: Kollege Frank Cox-O’Connell kommt nur vom Bildschirm, die Zuschauer setzen Kopfhörer auf, die ihnen den Text mit wunderbarer Klarheit direkt in den Kopf zu speisen scheinen. Der Freund ist entschlossen, selbst in den Afghanistan-Krieg zu gehen – und das antike Beispiel dessen, was Krieg aus den Menschen macht, hält ihn nicht ab. Knapp, klar, eindrücklich, überzeugend.

Ajax 2

Der zweite Teil ist wie das Satyrspiel, das in Griechenland auf die Tragödie zu folgen pflegte, wenngleich „Ajax“, um den es geht (der König, der wahnsinnig wurde und sich umbrachte), wahrlich keine heitere Geschichte ist. Aber während die Zuschauer, wie erwähnt, maskiert als schweigender „Chor“ auf der Bühne sitzen, erlebt man unten im Zuschauerraum Evan Webber und Kollegen Christopher Stanton in griechischen Gewändern als – Theaterbesucher. Soldaten, die sich daran erinnern, dass Sophokles, von dem das Stück stammt, ja selbst Soldat und Offizier war, die – als es nicht losgeht – doch eher dümmlich über das diskutieren, was jetzt kommt und was es bewirken soll –  aber dieser Teil des Abends scheiterte bei der Premiere an der nicht ausbalancierten Tontechnik: So brillant man das erste Stück verstanden hatte, so sehr ging das zweite in seinem Hall und eigenen Echo unter, Fakten ebenso verschluckend wie Pointen.

Dennoch – dass Evan Webber und seinen Kollegen da schon etwas Besonderes gelungen ist, blieb unmißverständlich klar.

Renate Wagner

 

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