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WIEN/ WUK: „sing no more this bitter tale …“ von Nikolaus Adler

22.02.2020 | Allgemein, Ballett/Tanz

WIEN/ WUK: „sing no more this bitter tale …“ von Nikolaus Adler (22.2.2020)

Dem großen Thema der Freihheit des Individuums stellt sich Nikolaus Adler mit seiner jüngsten, hier uraufgeführten Tanz-Theater-Produktion „sing no more this bitter tale …“. Das Epos über die lange Irrfahrt des Odysseus als Handlungsrahmen und die japanische Kunst des Bunraku, eines Puppenspiels mit sichbaren Akteuren, gaben Inspiration und metaphernreiches Basismaterial zugleich.


Nikolaus Adler: sing no more this bitter tale … Foto: Katharina Gossow

Homers „Odyssee“ wenigstens in Grundzügen zu kennen oder bruchstückhaft zu erinnern ist hilfreich, aber nicht zwingend notwendig zum Verständnis des Stückes. Nikolaus Adler prüft die Gesänge Eins bis Elf des Teiles Eins der Sage auf den Gehalt ihrer Bildsprache, um mit vier TänzerInnen, Katharina Illnar, Laura Fischer, Etienne Aweh und Chris Wang, allesamt exzellent agierend, eine Geschichte von Selbsterkenntnis und Selbstermächtigung zu erzählen. Das „Roadmovie unseres Lebens“, wie Nikolaus Adler (bis 2007 war er Tänzer des Wiener Staatsopernballetts und seit 1995 kreiert er international prämierte Choreografien), es selbst nennt, spielen die Vier in wechselnden Rollen auf einer dunklen Bühne. Schon die im Hintergrund in einem Gewirr aus Seilen hängenden Steine beschreiben das, wovon der erste an die Rückwand projizierte Text „Vor Anbeginn der Zeit war Chaos“ und der hinein gefauchte Theaternebel ihrerseits berichten. Auch die nur mit einem Schriftzug auf dem Boden angedeutete 10-jährige Belagerung Trojas als Ausgangspunkt ist kräftige Metapher. Wann, aus welchem Grund und in welchem Zustand begibt der seelisch belagerte Mensch sich auf die Reise? Und mit welchem Ziel?

Wenn die Papierschiffchen-Flotte ausläuft, gezogen auf schwarzem PVC, und einen weißen, reinen Weg freilegt, sodann mit diversen Kostümen, zu bestehenden Abenteuern belegt, wenn sie beim Tanzen einen Marionetten-Partner führen oder dem Zyklopen-Anderen ein Auge verdecken, wenn sie von der „Blüte des Vergessens“ naschen, vergessen habend die eigene Kraft und Schönheit und den ureigenen inneren Reichtum, wenn die tröstende Geselligkeit der Flotte in nebligen Gestaden sich verliert, um bald zertreten zu werden, wenn der steigende Pegel in dem peu à peu aufgefülten Aquarium sichtbar macht die wachsenden Tiefen, in die mit dem Blick in den eigenen unbekannten Seelen-Schlund auch ein sicherer Nachen versinkt, wenn die Blinde den Sehenden das Sehen lehrt, wenn der Schatten nicht mehr der eigene ist, die ungeliebten psychischen Inhalte also ins Licht der Integration gehoben wurden … Diese und viele andere poetische Bilder begleiten die Reisenden.


Nikolaus Adler: sing no more this bitter tale … Foto: Katharina Gossow

Die theatralen Werkzeuge schaffen Distanz. Die Aufgaben der im Theater gewöhnlich unsichtbaren, fremdsteuernden Bühnen-, Licht- und Tontechniker selbst zu übernehmen ist Bestandteil der ohnehin komplexen, dadurch noch anspruchsvolleren 100-minütigen Choreografie und auf so flüssige Weise in diese integriert, dass es nicht nur nicht stört oder gar verstört, sondern ein maximales Maß an Autarkie in ihrem Handeln auf der Bühne ermöglicht und vermittelt. Selbstbestimmung wird hier schon choreografisch verordnet. Wir beobachten eine transparente Szenerie, werden jedoch durch die Intensität der Bilder, insbesondere die der getanzten Intermezzi, über das Emotio aus der rationalen Distanziertheit in das Geschehen hineingesaugt. Der Spiegel ist geputzt.

Aus Tanz, Text, dem Licht-Design von Markus Schwarz, der Musikauswahl und den Sounddesign von Wolfgang Urban und der Bühne von Ariane Isabell Unfried spinnt Nikolaus Adler eine Parabel auf die Autonomie. Eigenverantwortliches Leben in aller Konsequenz, auch mit der Verantwortung für die eigenen Gefühle, ist das Ergebnis eines emanzipatorischen Prozesses, der zu Unabhängigkeit von gesellschaftlichen, sozialen, religiösen, vor allem aber intrapsychisch wirkenden Instanzen führt.

Die Stationen im Leben des Odysseus am Ende, allein und auf sich gestellt, reden von der erlangten seelischen Autarkie und deren Konsequenzen. Die Reise zu sich selbst ist immer auch eine Reise in die Einsamkeit, deren negative Konnotation allerdings die erworbene Entscheidungsfreiheit ins Positive dreht. Was ist Freiheit? Aus dem ersten Ziel „Freiheit von“ wird eine „Freiheit zu“, welche letztlich die Basis für ein selbstbestimmtes Leben darstellt.


Nikolaus Adler: sing no more this bitter tale … Foto: Katharina Gossow

Heilung als Auftrag, Liebe als Werkzeug und Ergebnis zu benennen macht den Wert dieser Arbeit aus. Ihre Kraft liegt in der emotionalen Wirkung insbesondere der Tanz-Szenen. Hier entfalten der Choreograf und sein Ensemble in ungemein schönen wie hochklassig getanzten Sequenzen eine besondere Stahlkraft. „Und was wären die Menschen ohne die Liebe?“ „Selten!“ sagt der Tod. Nikolaus Adler scheut sich weder vor Schönheit noch vor Liebe. Solcherlei schwerlich abstrahierbare Kategorien auch gar nicht abstrahieren oder umgehen zu wollen, sondern im Gegenteil furchtlos einzutauchen in wundervoll anmutig choreografierte und getanzte Emotion machen ihn zu einem Dichter im Tanz und „sing no more this bitter tale …“ zu einem einzigartigen Erlebnis. Denn der Humanist Nikolaus Adler weiß: Du musst mit dem Herzen sehen …

Rando Hannemann

„sing no more this bitter tale …“ von Nikolaus Adler, 7 Vorstellungen am 14.-16. und 19.-22. , gesehen am 21. Februar 2020 im WUK Wien.

 

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