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WIEN / Werk X: POST PORN REIGEN

11.03.2016 | KRITIKEN, Theater

Reigen  Chloe Potter Ehemann Mädel
Foto: Chloe Potter

WIEN / Werk X:
REIGEN (THE MAKING OF A POST PORN SCHNITZLER)
Premiere: 10. März 2016

Es war um 1900 ein verrücktes, wahnwitziges, künstlerisch todesmutiges Unternehmen, den „Reigen“ zu schreiben. In einer Welt, die auf das strengste ihre bürgerliche Fassade pflegte und ihren sexuellen Schmutz in die möglichst uneinsehbaren Hinterhöfe verbannte, brachte Arthur Schnitzler den Geschlechtsakt auf die Bühne. Und darüber hinaus das Panorama einer hierarchischen Hetero-Gesellschaft, die an jenen Orten vorgeführt wurde, wo man damals nicht hinsehen wollte. Unausdenkbar und ein Skandal – wir würden sagen, eine Schmutzkübelkampagne gegen den Autor (der es überlebt hat wie viele andere Erregungen, die er verursacht hat, auch).

Der „Reigen“ erschien 1900 als Privatdruck und war noch zwei Jahrzehnte später, als man ihn auf die Bühne brachte, so umstritten, dass er die Gerichte beschäftigte. Und wir – mehr als hundert Jahre danach? Das ist die Frage, die man sich im Werk X stellt, in vollem Bewusstsein, wie unendlich anders die Welt geworden ist – nicht nur in dem, was wir eingestehen und längst auf die Bühne gebracht haben, sondern auch in dem, was wir sind.

Nicht mehr WASP und nicht mehr nur hetero straight, sondern multikulti, (ziemlich) offen zu allen nur möglichen Zwischenformen menschlicher Lüste und menschlichen Selbstverständnisses stehend. Wie geht das mit dem mittlerweile so gut wie „altmodischen“ Reigen zusammen, wenn man ihn als „post porn schnitzler“ betrachtet? Nun, sagen wir: erstaunlich.

Was schon mit dem Theater selbst zusammenhängt (ein Theater am Arsch der Welt, wie man die Lokalität in Meidling, im einstigen Kabelwerk – tatsächlich nicht ganz unkompliziert zu erreichen – beschreibt), mit dem ganz eigenem Publikum, mit der Alternative als Konzept. Wo kollern auf der Bühne schon dermaßen viele irre Typen herum, alle eher Performance-Künstler der verschiedensten Arten statt Schauspieler konventionellen Zuschnitts, bekennende Queers, Transgender, schwul und lesbisch oder zwischen alle Definitionen fallend.

(Wobei die Idee der Diversität nicht gänzlich neu ist – 1991 gab es in Paris eine „La ronde“-Aufführung, wo die zehn Protagonisten zwar noch, wie vorgeschrieben, männlich und weiblich waren, aber sie stammten aus zehn Ländern, entsprechend die Hautfarben, und sprachen zehn verschiedene Sprachen…)

Die Protagonisten hier in Wien müssen sich diesen Schnitzler in einer gewaltigen Gruppenübung angenommen habe, sonst würden für die „Leitung“ des Abends nicht so viele Leute genannt: Yosi Wanunu, Haiko Pfost, Sabine Marte, Oliver Stotz, Bernd Eischeid, Johannes Weckl, Anna Hausmann, Florian Ronc. Und eindeutig ist wohl auch, dass hier jeder Mitwirkende viel von sich persönlich, ganz persönlich mitbringt.

Das Konzept ist angenehm einfach: In der Mitte eine Bühne, rundum eine Lichterschiene (beim angedeuteten Geschlechtsakt blitzt es gelegentlich auf), spartanische Versatzstücke für die jeweils zwei Schauspieler, die da oben sind – dem Schnitzler’schen Konzept, zehn Schauspieler, zehn Paare, bleibt man gänzlich treu. Hinten rundum die Schminktische, wo die gerade nicht Beschäftigen herumlungern und wohin sich die, die mit ihren Szenen fertig sind, wieder zurückziehen.

Gleich zu Beginn fragt sich ein „Reigen“-kundiges Publikum (mein Gott, als wie naiv sich diese Frage herausstellt), warum die zehn Darsteller, die sich da präsentieren, sieben Frauen und drei Männer sind, wo es doch fünf zu fünf stehen müsste. Aber man lernt schnell und begreift gleich – schon in der ersten Szene ist die Hure ein Mann, der Soldat eine Frau. Die Geschlechter wechseln auch der junge Herr, der Ehemann und der Dichter (alle drei Frauen), das süße Mädel sieht nach einem Glatzkopf im Matrosenanzug aus (der sich allerdings in seiner Bühnenpersönlichkeit als weibliche Kunstfigur versteht), und im Grunde haben nur das Stubenmädchen, die junge Frau, die Schauspielerin und am Ende der Graf einmal ihr reales Geschlecht bewahrt. Aber man hat längst begriffen, dass es darauf nicht ankommt.

Alle zehn Schnitzler-Szenen werden „angespielt“, an sich nur relativ geringe Teile des Textes, aber – das muss man als Schnitzler-Kenner sagen – bemerkenswert interpretiert, sowohl in der Sprache wie im Verständnis der Menschen und Situationen. Logisch, dass man sich dann (auch in sexuellen Aktionen) vom Original entfernt, wir sind vielleicht erfindungsreicher als damals (oder vielleicht hat man manches auch zu Schnitzlers Zeiten getan?).

Und wenn die „abgespielten“ Darsteller zu ihren Schminktischen zurückkehren – ja, dann dürfen sie erzählen, was sie wollen, Geschichten über ihre Sexualität, ihre Wünsche, ihr Leben, Verrücktheiten und fast Normalheiten (denn wenn die Schauspielerin, die älteste im Ensemble, erzählt, wie fad ihr stets war, „Psychoanalyse war auch fad“, dann ist das ja nicht wirklich realitätsfremd…).

Jener Schauspieler, der sofort in jede „originale“ Schnitzler-Aufführung einsteigen könnte, wie es sie längst nicht mehr gibt (man muss nur zum Josefstädter „Anatol“ hinüberschauen) ist Peter Kozek als der Graf, wirklich bemerkenswert in seinem Habitus. Ein ganz erstaunliches Erlebnis liefert „Lucy McEvil“ als „süßes Mädel“, ein Mann mit stupenden Frauentönen. Die anderen durch die Bank Persönlichkeiten eigenen Rechts, die in den Schnitzler-Teilen des Abends manchmal (auch sprachlich) Erstaunliches erzielen, selbst wenn sie – multi-kulti, dass es höher nicht geht – das Deutsche manchmal radebrechen.

Man soll in diesem Fall nicht sagen: „Was hat das mit Schnitzler zu tun?“ Man hat den Dichter, der einst als Pornograph und Erotiker beschimpft wurde (was ist das heute schon?) legitim zum Ausgangspunkt gemacht, um nach heutigen Formen der Sexualität zu fragen.

Nein, es ist nicht alles gleich geblieben. Und falls doch (man denke, was sich in der Monarchie in den Kreisen um Oberst Redl abgespielt hat) – so besteht der Unterschied darin, dass wir es zugeben, sagen und zeigen. Und doch: Die zu Beginn erklingenden schmeichelnden Oscar-Straus-Töne, die er für den „La Ronde“-Film des Max Ophüls komponiert hatte, weichen am Ende der kollektiv gesungenen Erkenntnis: „Ich seh in Dein Gesicht und erkenne es nicht.“ Das ist Schnitzler.

Renate Wagner

 

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