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WIEN / Weltmuseum: AZTEKEN

17.10.2020 | Ausstellungen, KRITIKEN

WIEN / Weltmuseum:
AZTEKEN
Vom 15. Oktober 2020 bis zum 13. April 2020

Jenseits aller Vorurteile

Es ist fünfhundert Jahre her, dass die Spanier nach Mittelamerika kamen und auf die Kultur der Azteken trafen. Sie begannen unmittelbar ihr Plünderungs- und Zerstörungswerk, das in kürzester Zeit zum Untergang des Azteken-Reiches führte. Es bezog sich auch darauf, dass Hernán Cortés und seine Gefährten in ihren Berichten ein düsteres Bild des Volks der Azteken malte. Eroberer, Ausbeuter, Menschenopfer bringend. Ein Bild, das unsere Zeit, die nicht mehr die Überlegenheit des „weißen Mannes“ postuliert, zurecht rückt. Die Ausstellung im Weltmuseum in Wien bemüht sich – mit Hilfe auch von mexikanischen Wissenschaftlern – um ein differenziertes Bild.

Von Heiner Wesemann

Die Azteken    Als die Spanier kamen (1519, in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in dem Jahr, als Karl V. deutscher König wurde), befand sich das Aztekenreich auf seinem Höhepunkt. Ihre Hauptstadt Tenochtitlán (heute befindet sich dort Mexico City) war damals eine der größten Städte der Welt. Etwa 200 Jahre davor hatte sich dieses ursprünglich nomadische Volk hier nieder gelassen, nachdem sie die meisten umliegenden Völker besiegt und tributpflichtig gemacht hatten. Aber sie vernichteten die Gegner nicht, sondern nahmen manches von ihrer Kultur an, etwa von dem nahe gelegenen Teotihuacán, Die tributpflichtigen Satellitenstaaten, die – ähnlich wie bei den Römern – durch ihre Zahlungen und Lieferungen an Naturalien und Wertgegenständen den Reichtum der Azteken sicherten, waren zahlreich. Man erklärt gerne daraus, dass die hoch entwickelten Azteken aus diesem Grund keine Buchstaben-Schrift entwickelten, sondern es bei der leichter kommunizierbaren Bilderschrift beließen. Einem reichen Götterkosmos huldigte man auch mit Menschenopfern, im übrigen war die materielle Kultur der Azteken höchstwertig, abgesehen von ihren Tempelbauten und teils monumentalen Skulpturen. Man sieht Masken, Figuren, Töpfe aller Arten und Darstellungen, dazu die berühmten Codices, gefaltete Schriftstücke, von denen ganz wenige erhalten sind, da die Spanier sie als „heidnisch“ erachteten und verbrannten. Dass die aztekische Kunst für den europäischen Geschmack düster und fast bedrohlich wirkt, festigte das Bild, das die Spanier von diesem Volk malten. Immerhin sieht man (und wusste es), dass die Azteken dem Wissen ebenso verpflichtet waren wie dem Luxus ihrer herrschenden Klasse. (Wenn die Spanier erkrankten, gingen sie lieber zu den einheimischen Ärzten als zu ihren eigenen, erfuhr man bei der Pressekonferenz.)

Die Ausstellung       Drei europäische Städte haben sich zusammen geschlossen, die Welt der Azteken neu zu beleuchten. Stuttgart (das Linden-Museum), wo die Ausstellung bereits zu sehen war, Wien und Leyden (Nationaal Museum van Wereldculturen), wohin sie im nächsten Jahr ziehen wird. Das Instituto Nacional de Antropologia e Historia in Mexiko war an der Ausstellung beteiligt.

Wien spielt in Bezug auf Mexiko eine besondere Rolle, da die Conquistadoren zahllose Kunstschätze an die Habsburgischen Herrscher schickten. Vieles davon ist hier gelandet, über Tirol kommend zuerst im Naturhistorischen Museum, zuletzt im „Museum für Völkerkunde“, das mittlerweile in „Weltmuseum“ umbenannt wurde. Zentrum der Wiener Schätze ist der so genannte „Penacho“, lange als die „Montezumas Federkrone“ bekannt. Mexiko hat den Penacho – grüne und blaue Federn des Quetzalvogels, kunstvoll verarbeitet – immer wieder als „Raubgut“ bezeichnet und zurück gefordert. Eine Frage, die sich mittlerweile erledigt hat – die Krone ist so fragil, dass man sie nicht einmal aus dem ersten Stock des Hauses, wo sie permanent gezeigt wird, hinunter in die Ausstellung selbst geschafft hat. (Als kleine Entschädigung haben alle mexikanischen Staatsbürger freien Eintritt ins Weltmuseum Wien.)

Der „Ausflug“ in die Permanenz-Ausstellung des Hauses lohnt sich allerdings, auch weil sich hier noch andere Kostbarkeiten befinden, etwa der rosa Federschild mit der blauen Kojoten-Darstellung im Zentrum. Die nun zu sehende Azteken-Ausstellung hat mehr als 200 Objekte von den verschiedensten Leihgebern in Mexiko und Europa zusammen getragen.

Auf dem Weg durch die Geschichte     Der europäische Blick auf das Aztekenreich, der zu lange geherrscht hat, ist in dieser Ausstellung nicht gefragt. Dennoch muss man den Rundgang sozusagen mit den Spaniern beginnen, mit Waffen, Rüstungen, Pferden, die sie mitbrachten. Sie fanden Verbündete unter den von den Azteken unterdrückten Völkern, aber der Sieg wurde ihnen nicht leicht gemacht. Doch sie ermordeten den Herrscher, Montezuma II., womit sie das Land destabilisierten, und berichteten in Briefen darüber nach Spanien.

Götter, Tiere, Menschen     Götterfiguren, die oft aufwendig und erschreckend wirken, sowie Tierdarstellungen, nicht nur die häufigen Vogelmotive, auch ein Wasserfloh (!) in Stein, berichten von der Alltagskultur der Einheimischen. Adler, Schlange, Jaguar kehren in Stein oder aus Edelsteinen geschnitzt immer wieder. Natürlich begegnet man auch Quetzalcóatl, der gefiederten Schlange. Es gab Stempel (hier ein besonders interessanter mit einem Affenmotiv), mit denen man Kleider und Körper dekorierte. Menschliche Schädel spielten eine besondere Rolle, wurden nachgebildet oder dekoriert. Es gibt Goldschmuck und auch sehr elegante Töpfereiware, wenn sie nicht mit Tierdarstellungen dekoriert ist.

Spektakuläre Blickfänge       Alle Gestalter der Ausstellung betonten, dass es nicht darum ginge, dem Exotismus zu frönen, als vielmehr ein Bild der damaligen Kultur zu entwerfen. Dennoch ist die Ausstellung reich an spektakulären Blickfängen – man denke an jenen Raum, wo man die Stadt Tenochtitlán am Texcoco-See an die Wand gemalt hat und einen der großartigen Adlerköpfe, mit denen die Tempel verziert waren, zeigt (Es wurden übrigens auch Menschen als Adler dargestellt!). In der Nähe : eine reich verzierte Steinkiste von Montezuma II. Man sieht eine Nachbildung des Templo Mayor, wo man in dessen „Innenleben“ mit den verschiedenen Bauphasen blicken kann. Leider gibt es keinen der berühmten aztekischen Kalender-Steine im Original, aber hier hilft im letzten Saal ein Video aus.

 

Menschenopfer   Berühmt-berüchtigt sind die – verbürgten – Menschenopfer, die die Azteken ihren Göttern brachten. Vermutlich waren es Gefangene oder Sklaven, die in den Tod gehen mussten, um nach dem Glauben der Aztekten das Rad des Lebens in Gang zu halten. Genaues weiß man darüber nicht, obwohl gerade Ausstellungen wie diese wieder die Forschung breit in Gang gesetzt haben. Jedenfalls ist Mictlantecuhtli, der Herr des Totenreiches, lebensgroß die Hände ausstreckend. eine der eindrucksvollsten Gestalten, denen man im Laufe des Rundganges durch die Ausstellung begegnet – unter einer knochigen Brust hängen ihm die Gedärme aus dem Leib… Das sind dann wieder die „schaurigen“ Azteken, wie man sie kennt. Darüber hinaus entfaltet sich der Reichtum einer fremden, erstaunlichen Kultur um Götter, Menschen und Tiere.

Weltmuseum Wien, Heldenplatz:
AZTEKEN
.Von 15. Oktober 2020 bis 13. April 2021
Täglich außer Mittwoch 10 bis 18 Uhr

 

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