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WIEN / Volx: OPERNBALL

17.03.2019 | KRITIKEN, Theater


Stefan Suske, Sebastian Klein, Bernhard Dechant, Lukas Watzl, Thomas Frank © Barbara Pálffy / Volkstheater 

WIEN / Volkstheater im Volx/Margareten:
OPERNBALL nach dem gleichnamigen Roman von Josef Haslinger
Bühnenfassung von Alexander Charim und Heike Müller-Merten
Premiere: 17. März 2019

Die Dramaturgie denkt und das Leben lenkt. Das Volkstheater spielt die dramatisierte Fassung eines 24 Jahre alten Romans von Josef Haslinger, der von einem Terroranschlag auf den Opernball handelt. Wenige Tage vor der Premiere tötet in Neuseeland ein Terroranschlag auf eine Moschee an die 50 Menschen. Man kann sich nicht darauf zurückziehen, das Geschehen als „historisch“ zu betrachten. In diesem Fall reflektiert das Theater das Hier und Heute.

Man erinnert sich noch gut, warum „Opernball“ vor fast einem Vierteljahrhundert eine solche „Erregung“ bedeutete: Immerhin hatte sich Haslinger an einem heiligen Gut der Nation vergriffen, als er die Opernball-Besucher (samt gesamter Regierung) durch Giftgas umkommen ließ…

Geschildert wurde das im Buch von mehreren Figuren, die die Ereignisse von außen und von innen betrachteten. Wobei eine „Dramatisierung“ selten so souverän gelungen ist wie diese von Regisseur Alexander Charim und Dramaturgin Heike Müller-Merten. Dem Regisseur muss man auch zugute halten, dass seine Inszenierung ein logistisches Meisterstück ist. Er muss mit sechs Schauspielern auskommen, fünf davon übernehmen verschiedene Rollen. Und immer ist für den Zuschauer glaskart, was da auf der Bühne geschieht. Die Geschichte entwickelt sich umweg- und schnörkellos.

 

 

 

 

 

 

 

 

Rainer Galke ist Kurt Fraser, Fernsehreporter, an sich auf Kriegsberichterstattung spezialisiert. Über den Opernball berichtet er nicht zuletzt, weil sein Sohn als Kamera-Assistent beteiligt ist. Und dieser zählt zu den Opfern des Anschlags. Fraser steht für viele Elemente der Geschichte – in Rückblenden wird gezeigt, wie er verzweifelt seinen süchtigen Sohn auf die rechte Bahn bringen wollte; im übrigen ist er selbst der Sohn eines emigrierten Juden, der dem ewig antisemitischen Österreich eigentlich misstrauen sollte; und schließlich ist er als Kriegsberichterstatter mit „schuldig“ an einer Medienwelt, für die keine Sensation krass genug sein kann: Wenn seine Kamera läuft, als eine Frau von einer Bombe zerrissen wird, bedeutet das für ihn beruflich einen großen und lukrativen Erfolg…

Erzählt wird die Geschichte auch von einem Polizisten, der – wie das Klischee es befiehlt – eigentlich faschistoide Überzeugungen hegt und absolut nicht glücklich ist, dass er gegen die „anderen“ nicht so brutal vorgehen kann, wie er es sich wünschte (Thomas Frank schlüpft voll überzeugend in diese Rolle).

In das Zentrum des Geschehens rückt der Abend aber die Neonazi-Gruppe, die von einem mehr oder minder charismatischen „Führer“ (exzellent: Sebastian Klein) ideologisch zugespitzt und aufgehetzt wird. Rund um ihn profilieren sich die verschiedenen Typen – der Aufrührer (Bernhard Dechant kann brüllen wie keiner sonst), der (wohl auch von allerlei Gefühlen getragene) geradezu hündisch ergebene Gefolgsmann (wunderbar: Lukas Watzl), der lautstarken Randalierer (Thomas Frank), der Mitläufer (Stefan Suske). Und alle sind sich einig: Die Ausländer müssen weg, und ein Terroranschlag ungeahnten Ausmaßes wird jenen Polizeistaat nach sich ziehen, den sie für ihre Pläne brauchen…

In zwei pausenlosen Stunden drehen sich Ideologie und Schicksale im vollsten Wortsinn im Kreis, und man möchte annehmen, dass der Regisseur auch die Lautstärke in dem kleinen Kellerraum des Volx mit voller Absicht dermaßen überdrehen ließ, um die Gewalttätigkeit des Geschehens für den Zuschauer entsprechend nachdrücklich (und schwer erträglich) zu machen.

Kleinigkeiten hat man auch auf unsere Zeit zurechtpoliert (die Frage, wie ein Volk in seiner Majorität „rechts“ wählen könne, war 1995 noch nicht aktuell), die Abneigung der „eingesessen Bevölkerung“ gegen die Ausländer hat sich nicht geändert, und dass in irgendwelchen Dörfern und Kellern faschistoide Ideen zwischen Bier, Sex und Waffen ausgebrütet werden, kann man gut und gern annehmen.

Dass das Ganze von höchst vordergründiger Griffigkeit ist, versteht sich – wer ein Thema verkaufen will, muss seine Meinung an den Mann bringen. Und sei es demagogisch. Jedenfalls so deutlich wie möglich. Dem Volkstheater ist es immerhin mit Können und Niveau gelungen.

Renate Wagner

 

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