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WIEN / Volx-Margareten: DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER

03.05.2019 | KRITIKEN, Theater


Foto: Volkstheater

WIEN / Volkstheater im Volx-Margareten / spätere Bezirks-Vorstellung:
DIE LEIDEN DES JUNGEN WERTHER nach Goethe von Calle Fuhr
Premiere: 3. Mai 2019

Das ist das Wunderbare am Theater: Man kann immer überrascht werden. Auch positiv. Sogar positiv. Die Ankündigung, Goethes stürmischer Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ (ursprünglich hieß es ja „Werthers“, aber diesen Genetiv hat die Nachwelt gestrichen, und es ist auch verständlich) werde auf die Bühne des Volx-Margareten gebracht, musste ja nicht von enthusiastischen Erwartungen begleitet sein, bedenkt man, was man bei Anna Bardora schon alles vorgesetzt bekommen hat.

Aber da springt plötzlich ein junger Mann aus dem Zuschauerraum vor das Publikum – und er trägt Werthers blauen Rock und die berühmte gelbe Weste. Und auch Lotte ist kein Pop-Girl, sondern optisch ein braves Mädchen von anno dazumal, Albert kein Fixer in Jeans, sondern ein solider Bürger – Calle Fuhr kam von Berlin nach Wien, um Goethe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Er sorgte in einem bescheidenen Bühnenbild, mit historisch stilisierten Kostümen dafür, dass wir Werther (bei aller Schätzung dessen, was Ulrich Plenzdorf für die aktualisierende Paraphrasierung des Goethe-Helden unternommen hat) nicht für einen Hippie halten…

Nun kennen wir ja den „Werther“, er ist – sagen wir es bewundernd: ausufernd. Er kann in seinen Briefen an seinen Freund nicht weitschweifig genug schwärmen – und natürlich wirbelwindig denken, wie junge Menschen es tun (Goethe war Mitte 20, als er das Buch schrieb). Daraus diese Fassung zu destillieren, die wenig mehr als eine Stunde dauert, sich auf die drei Hauptpersonen konzentriert, vieles weglässt, weglassen muss – und doch Essentielles bringt, das ist bemerkenswert. Da ist des jungen Mannes existenzielle Problematik zwischen einem zur Totalität gesteigerten Gefühl für Lotte und den Grundfragen des Menschen nach Sinn und Zweck und Bedeutung des Lebens, das mit dem Verstand gemeistert werden soll. Und schließlich die Ausweglosigkeit einer Dreiecksgeschichte…

Sie ist ausweglos für alle Beteiligten, weil Goethe den genialen Kunstgriff bedient hat, Lotte zwischen zwei Männer zu stellen, die zwar total verschieden, aber in sich gleich wertvoll sind, was eine Entscheidung unmöglich macht. Weshalb Werther ihr und Albert, den er einfach schätzen und lieben muss, die Entscheidung durch seinen Selbstmord abnimmt. Man verkleinert Goethes Denkansatz, wenn man von enttäuschter und verschmähter Liebe spricht. Es geht vielmehr darum, den absoluten Anspruch nicht aufzugeben und die würdige, „edle“ Konsequenz zu ziehen…

Das muss man einmal spielen. Und man kann nicht genug staunen über die drei Protagonisten, die man eigentlich am Volkstheater noch nie gesehen hat, drei junge Schauspieler, die der Regisseur zu Leistungen von selten gesehener Stimmigkeit führt.

Voran Anton Widauer. Werther a priori als Außenseiter, einer der sich ausprobiert, der gerne aneckt, lustvoll den Clown spielt, aber auch einer, der anständig ist und liebevoll, verrückt und gescheit. Eine herrlich widersprüchliche Mischung.

Genau so stark steht ihm Sören Kneidl als Albert gegenüber. Da ist einer konventionell aus Überzeugung und dabei kein fader Spießer. Einer, der empfindet – nicht nur für Lotte, auch für diesen seltsamen Werther. Und verzweifeln muss er auch, aber das geht ja Liebenden nun einmal so.

Zwischen den beiden Lotte: Tilla Rath ist voll widersprüchlicher Gefühle und dabei keine Sekunde überspannt. Werthers Lotte, die Brot schneidet, aber weder lieblich noch betulich ist. Auch um sie zu retten, bringt Werther sich um.

Calle Fuhr hat, wie gesagt, Goethes Text bis aufs Skelett der Dreiecks-Geschichte verschlankt (das ganze breite Ambiente der Goethe-Zeit bleibt natürlich weg, wir sind ja nicht bei Massenet und in der Oper), und er gab nur weniges dazu. Am ehesten noch Musik (Alexander Wanat) – so wie man heute traurig über Liebe singt. Dergleichen ist bekanntlich ewig, und darum passte es.

Das Publikum wollte zu klatschen gar nicht aufhören. Kann es ein Werk tatsächlich verstehen, wenn man es in seiner Zeit belässt und nicht mit Gewalt und Äußerlichkeiten zu uns herholt? Schau, schau.

Renate Wagner

 

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