
Fotos: Marcella Ruiz Cruz
WIEN / Volkstheater:
UKRAINOMANIA – REVUE EINES LEBENS
nach Joseph Roth
Kooperation mit den Zankovetska Nationaltheater Lviv
Premiere: 15. Jänner 2026
Gut gemeint, aber…
Die Ukraine versucht den ihr aufgezwungenen Krieg nachdrücklich in das Bewusstsein Europas zu tragen, auch mit den Mitteln des Theaters. Zwar hat man das Gefühl, Wolodymyr Selenskyj mindestens jeden dritten Tag in den Nachrichten zu begegnen, und man hört auch laufend von (bisher ergebnislosen) diplomatischen Bemühungen, aber die Realität des Krieges für die Bevölkerung bleibt außen vor – die Luftangriffe-Nächte in den Kellern, die toten Männer, die tiefe Löcher in die Familien reißen, der Ausfall von Strom und Wasser nach russischen Angriffen. Zumindest eine Ahnung davon soll der Abend „Ukrainomania – Revue eines Lebens“ im Volkstheater vermitteln.
Regisseur Jan-Christoph Gocke hat dieses mehr als seltsame Konglomerat in Zusammenarbeit mit dem Zankovetska Nationaltheater Lviv gestaltet. Nach zweieinviertel pausenlosen Stunden wüsste man schwerlich zu sagen, was man eigentlich gesehen haben soll…
Als Zeuge für etwas, mit dem er nichts zu tun hat, wird Joseph Roth (1894-1939) herangezogen. Er wurde zwar noch in der Welt der österreichisch-ungarischen Monarchie in Brody, der jüdisch geprägten Stadt im Königreich Galizien und Lodomerien geboren, und bei allen ambivalenten Gefühlen blieb er der Monarchie lange über ihren Untergang hinaus ideologisch treu. Als diese nach dem Ersten Weltkrieg in Stücke zerfiel und sich 1918 ein eigener ukrainischer Staat etablierte (der nicht lange unabhängig blieb), war Roth über Lemberg und Wien schon nach Berlin weiter gezogen. Als Journalist soll er den Begriff „Ukrainomania“ geprägt haben, weil der neue Staat plötzlich „modern“ wurde. Roth selbst hatte, wie gesagt, damit kaum mehr etwas zu tun…

Immerhin steht er einen Großteil des Abends im Mittelpunkt, gleich zu Beginn in Paris 1939 – bei seinem Begräbnis. Da streiten sich sein Freund Sona Morgenstern und seine Ex-Geliebte Andrea Manga Bell darum, ob er jüdisch oder christlich begraben werden soll. Dann kriecht Roth selbst aus dem Grab, und man verfolgt Stationen seines Schicksals oberflächlich und vordergründig – die Freunde, die ihm seinen permanenten Alkoholismus vorwerfen, die ewigen Geldsorgen, die ihn zum Schnorrer machten (dafür kriecht sein Interpret durch die Reihen des Publikums und bettelt peinlich um Geld). Als ehrliche Auseinandersetzung mit einem Künstler, der so viel Talent und so viel Unglück hatte, kann man das nicht nehmen…

Aber Roth ist ja, wie gesagt, eigentlich nur ein Vorwand. Zu Beginn des Abends tritt Solomia Kyrylova vor das Publikum, originale Ukrainerin, in ihrer Sprache sprechend, was von der ukrainischen Delegation, die zahlreich bei der Premiere vertreten war, viel Jubel auslöste. Sie ist quasi der „Host“ der Revue, die keine ist, die aber immer wieder mit ziemlich erhobenem Zeigefinger in die Gegenwart zielt.

Bernardo Arias Porras spielt einen jugendlichen, langhaarigen Dichter, der nicht die allerentfernteste Ähnlichkeit mit dem Roth-Original aufweist. Stefan Suske ist vor allem für seine prägnante Sprache dankend zu erwähnen. Nancy Mensah-Offei , Alicia Aumüller und Samouil Stoyanov (auch für Komik-Einlagen zuständig) ergänzen in vielfachen, aber nicht wichtig erscheinenden Funktionen.
Live Music gibt es auch und sogar zwei „Show-Szenen“, von denen man nicht weiß, was sie sollen. Was auch bei manch anderem Detail des Abends unklar bleibt. Immerhin sieht man per Video-Einspielung einen Besuch des Wiener Ensembles bei den Kollegen in Lviv, eine Höflichkeits-Geste ohne weitere Nachhaltigkeit.
Gut gemeint das Ganze, zweifellos. Gut gemacht? Schon weniger. Und am Ende ein fragwürdiger Mix, der vieles, aber eigentlich nichts erzählt. Aber eben gut gemeint in einer Situation, wo unser aller Anteilnahme nur der Ukraine gelten kann. Wie sollte man also dagegen argumentieren?
Renate Wagner

