
Foto: Volkstgeater © Marcella Ruiz Cruz
WIEN / Volkstheater:
MACBETH nach William Shakespeare
Premiere: 10. September 2026,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 13. September 2016
Das Kasperlspiel vom Klappmaul-Macbeth
Also, ehrlich, wer braucht heutzutage noch Theater? Eine Bühne, wo echte Menschen in echten Stücken echte Probleme verhandeln? Einen Zuschauerraum mit „normalen“ Menschen (pfui, das Wort darf es gar nicht meher geben), die genau so etwas sehen wollen?
Nebbich, wir leben im digitalen Zeitalter, der analoge Mensch hat ausgedient. Spielkonsolen und Videokameras holen ihn aus der Wirklichkeit und verwandeln ihn in ein Bild, stülpen ihm die neue Künstlichkeit über. Den Menschen darunter will ohnedies niemand mehr sehen. Den ist man, wenn man dauernd ins Smartphone starrt, ja gar nicht mehr gewöhnt.
Dies erlebt man auch in der ersten Premiere des Volkstheaters. Allerdings haben noch Echtmenschen möglicherweise längere Anfahrts- und notabene Rückfahrtszeiten auf sich genommen, weil im Theater der „Macbeth“ von William Shakespeare versprochen wurde. Dafür bekommen sie ein 65minütiges (!!!) Computerspiel.

Ein Game, das auf der Bühne eher wie eine Mischung aus Kasperltheater mit Klappmaulpuppen (ganz ohne Habjan) und den Pradler Ritterspielen wirkt. „Wähle Deine Waffe“, und schon reicht eine schwarze Hand nacheinander den Dolch, die Axt, das Schwert, und dann wird gestochen und drauf gehauen, was es das Zeug hält. Na ja, „Macbeth“ ist ja ein blutiges Stück.
Regisseurin Rieke Süßkow hat sich folgende Situation ausgedacht: Links und rechts sitzen Sie und Er an ihren Apparaten, auch wenn man die beiden fast nur über die großen Bildschirme wahrnimmt, die über ihnen hängen. Sie verabreden sich dann zu einem Spiel über Macbeth, das in der Mitte mit Kunstfiguren abläuft (die Menschen dahinter sieht man nicht). Es sind groteske Fratzen in grotesken Kostümen, Gleichnisse des Schreckens, gestehen wir das der Ausstattung (Bühne:Mirjam Stängl / Kostüme: Sabrina Bosshard) zu, und die Puppen- und Objekttheater Regie (Esther Falk) kann vermutlich auch, was sie soll.
Wie soll man es beurteilen, wann man nichts davon versteht? Ich gestehe, in meinem ganzen Leben noch kein Computerspiel auch nur gesehen, geschweige denn gespielt zu haben (Moorhuhn-Schießen gilt ja wohl nicht) – wahrscheinlich eine Bildungslücke in unserer Welt. Sind die Figuren alle so verfremdet? Und finden sich die Spieler am Ende plötzlich selbst im Spiel, wie es hier geschieht? Oder ist das gar – horribile dictu – ein Theatereffekt?

Ist die Macbeth-Gewalt- und Blutorgie überzeugender, wenn man sie verpuppt? Das muss jeder Zuschauer für sich entscheiden. Die bedauernswerten Darsteller exekutierten eigentlich viel Unsinn, der manchmal komisch war. Die Opfer heißen Thomas Halle, Carolin Wege, Gregor Schuster, Aleksandra Ćorović, Katharina Kummer, Christian Pfütze. Dass sich der Beruf des Schauspielers lohnt, erleben an diesem Abend nur Karoline Reinke und Nicolas Frederick Djuren, nicht zuletzt deshalb, weil man sie erkennt und weil sie als „Spieler“ mit einiger Intensität unterwegs sein dürfen.
Die zweite Vorstellung der Produktion war ziemlich voll und ein offenbar aufgeschlossenes Publikum beklatschte dieses Angebot angeregt. Dem Theaterfreund, der mehr für Theater als für Gaming übrig hat, tut es um die wunderbaren Rollen leid, die hier nicht gespielt wurden… Ja, und um das Stück natürlich auch.
Renate Wagner

