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WIEN / Volkstheater: LOST AND FOUND

19.12.2015 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Volkstheater / LupiSpuma

WIEN / Volkstheater:
LOST AND FOUND von Yael Ronen und Ensemble
Uraufführung
Premiere: 18. Dezember 2015

Im Grunde ist die Art von Theater, die Yael Ronen mit ihren Schauspielern – der jeweiligen Crew einer Aufführung – erarbeitet, etwas für die „alternative“ Szene, und Schauspielhaus, TAG oder Garage X in Wien wären ausgezeichnete Spielorte, schon im Hinblick auf das Publikum und seine Erwartungen. Aber Anna Badora bietet der Regisseurin und ihren verschworenen Mitstreitern in ihrem Volkstheater eine Bühne.

Und so erlebt man hier nun – nach dem „Juden“-Stück „Hakoah Wien“ – „Lost and Found“. Zuerst sieht es wie eine respektlose Satire auf heutige „Familien“-Vorstellungen aus. Aber etwa eine Viertelstunde vor Ende (es sind nur eineinhalb Stunden im Ganzen) kommt die Sache auf den aktuellen Punkt: Es geht auch um Flüchtlinge. Das Burgtheater hat das schon, das Volkstheater zog flugs nach – und die Josefstadt, die ein Flüchtlingsstück bei Peter Turrini bestellt hat, hinkt noch nach…

Zuerst die Familienaufstellung in einer höchst links-liberalen, progressiven Wiener Familie, deren Papa, eben verstorben, einst aus dem Irak kam und ursprünglich Moslem war, womit die Kinder (wie so viele in der „nächsten Generation“) nichts am Hut haben. Außer, wenn sie die Begräbniskosten sparen können – wenn es nämlich ein islamisches ist, dann würde der Onkel in London dafür bezahlen. Also darf in einer langen, flapsigen, in ihrer achselzuckenden Rohheit nicht unbedingt sympathischen Passage über das Begräbnis gelacht werden.

Aber eigentlich geht es darum, dass für dieses Begräbnis, das Tochter Maryam am Hals hat, ihr Bruder Elias aus Berlin kommt, gefolgt von seiner Freundin Camille, mit der er in einem desaströsen Zustand von Trennung-doch-nicht-Trennung, Haß-Liebe-Haß-Liebe lebt. Aber Maryam hat es auch nicht leicht – Exgatte Jochen ist auch noch da, so laut und fordernd, als hätte er noch was zu reden, und Freund Schnute ist zwar bereit, Vater des nächsten Kindes zu werden, aber nicht auf die normale, unkomplizierte Weise, denn eigentlich ist er schwul. Über die künstliche Empfängnis im Eigenbau darf auch sehr gelacht werden. Und über die Zeitgeist-Erscheinungen von Blog-Erstellen, Performance-Gestalten oder Listen mit politisch korrektem Verhalten erstellen und unterschreiben lassen…

Hier offenbart der Abend wieder seine Ronen-Qualitäten einer scheinbaren Über-Natürlichkeit, als sähe man den Leutchens wie bei „Big Brother“ über die Schulter (obwohl das scheinbare Nicht-Theater natürlich Schwerstarbeit ist). Es wird viel über Beziehungen gelabert, mit dem Familien-Begriff haben wir es in unserer Welt der Patchwork-Durcheinander-Ehen-Kinder-unerwünschte Verwandte bekanntlich nicht leicht… aber wäre es nur das, wäre es ja doch eine ziemlich seichte Lachgeschichte.

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Darum der Schwenk, in der Viertelstunde vor dem Ende, und weil bei Yael Ronen auf „Echtheit“ (sprich: die Erfahrungen von Beteiligten und ihrer Umwelt) gesetzt wird, bezieht man sich (im Programmheft nachzulesen) auf das gegenwärtige Schicksal der Schauspielerin Seyneb Saleh (man hat sie im Volkstheater in den Camus-Abend gesehen), die aus dem Irak stammt und die eines Tages unter der Masse der Flüchtlinge, die nun schon seit längerer Zeit in Österreich ankommen, ihren Cousin aus Mossul abholen konnte.

Dasselbe passiert der Familie auf der Bühne – und jetzt herrscht ziemliche Ratlosigkeit. Das Problem wird keinesfalls gelöst, aber in seiner Vielschichtigkeit kurz aufbereitet: Jetzt ist er da, in diesem Fall einer nur, und was fängt man mit ihm an? Obdach, Verpflegung, Unterstützung – was hat man sich aufgelastet? Und welche Möglichkeiten hat ein Flüchtling, auf den erst einmal nur Papierkrieg und monatelanges Warten zukommen, ohne die Möglichkeit, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen?

Es kostet alle, auf der Bühne wie im Zuschauerraum, nur ein Lächeln, als er sagt: „Ich will nach Deutschland, Mama Merkel mag uns.“ Der arme Mann ist wohl nicht am letzten Stand der Dinge…

Der Humor erleichtert vieles, aber man bleibt betroffen zurück. Und die Darsteller – Birgit Stöger flapsig und Anja Herden cool, die Herren Knut Berger, Sebastian Klein, Jan Thümer einer schräger als der andere, dazu Osama Zatar als Flüchtling – machen prima Theater. Lösungen werden nicht angeboten. Und was das Problem betrifft, da wurde nun auch nichts wirklich über das allzu Bekannte hinaus erhellt. Dennoch: ein ehrenwerter Abend.

Renate Wagner

 

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