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WIEN / Volkstheater: LIV, LOVE, LAUGH STRÖMQUIST

Zeitgeist-Wahnsinn. Grottenbahn-Parallelwelt

21.02.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Marcella Ruiz Cruz

WIEN / Volkstheater:
LIV, LOVE, LAUGH STRÖMQUIST
EIN LIFE COACHING AUF LEBEN UND TOD
von Liv Strömquist & Ada Berger
Deutschsprachige Erstaufführung
Premiere: 20. Februar 2026 

Zeitgeist-Wahnsinn.
Grottenbahn-Parallelwelt

Mit einem Titel wie „Liv, Love, Laugh Strömquist“ vermag man a priori nichts anzufangen, und wenn man Pech hat, verbleibt das den ganzen Abend so, den das Volkstheater zur deutschsprachigen Erstaufführung bringt. Die schwedische Theatermacherin Liv Strömquist (Jahrgang 1978), ursprünglich als Schöpferin von Graphic Novels bekannt geworden, begibt sich hier auf die Spuren des ganz normalen Wahnsinns unserer Welt.

Das 21. Jahrhundert brachte die Wende, mit ihm die Sozialen Medien, die viele Menschen geradezu aufsaugten. Auf einmal bekam jeder Hohlkopf eine Stimme, die womöglich um die ganze Welt gehen kann. Der kollektive Veitstanz um das eigene Ich begann – man wollte so „wichtig“ werden wie Influencer, so reich wie Filmstars, so berühmt wie „Grammy“-Gewinner, und überall im Netz stürzen einem die Ratschläge zur Self-Optimierung entgegen, die blind befolgt werden. Mental Coaching, Self Help, Self Care nehmen gegen gute Bezahlung die Menschen mit und berauben sie ihres eigenen Verstandes (so sie je einen hatten).

Das zeigt das Stück, das keines ist, sondern eine Kabarett-Revue, durchaus teils komisch, sicherlich auch kritisch-satirisch gemeint, aber im Grunde ist es so grottendumm, was man da sieht, dass man nur verzweifeln kann. Man betet sich Mantras der eigenen Stärke und Schönheit vor, beobachtet sich und seine Aktionen (von der Ernährung bis zu den Träumen) minutiös, folgt einem schwachsinnigen Regelwerk, das einem irgendjemand einredet. Marionetten, die zurück schrecken, wenn irgendjemand die Tatsache in den Raum stellt, dass man schließlich eines Tages sterben müsse…

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Sechs Darsteller (Nicolas Frederick Djuren, Katharina Kurschat, Sissi Reich, Nick Romeo Reimann, Sebastian Rudolph, Claudia Sabitzer – man kennt ohnedies nur die Letztgenannte aus früheren Zeiten) spielen sich durch Szenen von seltener Dümmlichkeit, die immer wieder (wie heutzutage eben üblich) in Gesang und Tanz ausbrechen. Der Erkenntniswert ist nicht nur deshalb gering, weil man sich die meiste Zeit überhaupt nicht auskennt.

Nun gibt das Programmheft geradezu „Quellen“ an, wer für die Szenen gewissermaßen „Pate“ stand, aber außer der Pythia von Delphi (das ist Geschichte und hat hier eigentlich nichts verloren) und Meghan Markle (weil kein Zeitungsleser der Gattin von Prinz Harry entkommen ist), kennt man niemanden. Wer sind Thunderdun, Rollo (derjenige, von dem der gute Rat stammt, die Gattin zu ignorieren?), Flurry, Timo und wie sie alle heißen? Möglicherweise sind sie den Instagram-Nutzern ein Begriff, aber was fängt ein normaler Mensch, der ein normales Leben jenseits der Sozialen Medien führt, damit an? Der lernt bestenfalls eine Grottenbahn-Parallelwelt kennen.

Die eindreiviertelstündige Aufführung, die Regisseurin Anna Marboe in der Ausstattung von Helene Payehuber inszeniert, läuft logistisch flott, soll wohl gar nicht logisch und durchschaubar sein, macht aber eigentlich nicht klar, ob er mehr erzählt als die Kopfstände wirrer Köpfe.

Ein Abend wie dieser überzeugt wieder einmal von der Meinung, so man sie ohnedies schon hegt, die Welt sei definitiv verrückt geworden. Zu dieser Erkenntnis ist übrigens auch schon die Autorin gekommen, wenn sie meint, die Menschen begriffen langsam, „dass sie eigentlich idiotischen Content konsumieren und auf diesen Plattformen ihre Zeit verschwenden.“ Möge dieser Theaterabend solch kritische Einsicht in manchen „betroffenen“ Köpfen in Gang setzen… Sieh hin, erkenne Dich selbst? Das wäre am Ende gar „moralisches Theater“!

Renate Wagner 

 

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