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WIEN / Volkstheater: LAZARUS

14.05.2018 | KRITIKEN, Operette/Musical


Foto: © www.lupispuma.com / Volkstheater 

WIEN / Volkstheater:
LAZARUS
Musical von David Bowie und Enda Walsh
Premiere: 9. Mai 2018,
besucht wurde die dritte Vorstellung am 13. Mai 2018

Die erste Frage, die sich hier stellt – warum spielt das Volkstheater ein Kommerz-Musical, wenngleich man hier (ein Sprechtheater immerhin) zwar singende Schauspieler, aber keine wahren Fachleute für diese Art von Entertainment besitzt? Die Antwort ist leicht: Um das vom Publikum notorisch gering besuchte Haus endlich einmal voll zu bekommen. Und da reicht tatsächlich – seltsam, aber doch – ein Name wie jener von David Bowie. Und die Qualität des Gebotenen ist zweitrangig.

„Lazarus“ ist ein Musical, das Bowie (1947-2016) kurz vor seinem Tod geschaffen hat, indem er eine Figur – den „Außerirdischen“ aus dem Film „The Man Who Fell To Earth“, den er 1976 gespielt hatte – weiterentwickelte (Enda Walsh schrieb die Story, Bowie steuerte Musik und Liedertexte bei). Nun ist dieser Thomas Newton tatsächlich 40 Jahre älter geworden und lebt in New York. Zutiefst unglücklich, wartet er auf seinen Tod, weil er seine Liebe auf Erden verloren  hat, aber auch nicht zu einem Planeten zurückkehren kann…

Umgeben ist er von wenigen realen und vielen phantastischen Gestalten, die ihn irreal umgeben – was die Geschichte für die Interpreten relativ leicht macht: Denn wenn sich das meiste quasi nur im Kopf der Hauptfigur abspielt, sind Dinge wie Logik, Konsequenz, eine wirkliche Story nicht nötig – und die Stellen, wo sich die Handlung dann tiefsinnig gibt (und doch nur banal ist), bleiben im Volkstheater eher am Rande. Vor allem merkt man, wie bald eine so chaotische Geschichte auf der Stelle tritt, auch wenn der Abend nur pausenlos eine Stunde und 50 Minuten dauert. Er ist, wie sich ganz schnell herausstellt, einfach ein Vehikel für die 17 Songs, die showartig abgespult werden.

Bowie-Fans, die ihn und sein Werk auswendig kennen, werden mit der Geschichte mehr anfangen können als jene, für die er einfach eine Erscheinung der „Szene“ war. Und diese beschwört Regisseur Miloš Lolić in einer psychedelischen Dekoration (bisschen surreal, bisschen echt sinnlos, ausgestopfte Tiere gibt es auch) von Wolfgang Menardi, in Kostümen (Jelena Miletić), die Plastik, Kunstpelz, Ironie und Geschmacklosigkeit mischen. Das Ganze wirkt ziemlich beiläufig, ziellos und vor allem gestrig, eine Reminiszenz der Twiggy-Welt, wobei ohnedies alles von der Musik zugedröhnt wird: Eine achtköpfige Band, auf beiden Seiten der Bühne und noch im Untergrund positioniert, macht ihre Sache gut, während sich die Volkstheater-Darsteller einigermaßen anstrengen müssen, Fake-Musical-Stars abzugeben und stilsicher zu „belten“…

Im Zentrum der Geschichte steht Günter Franzmeier als Thomas Newton, dem man wirres Blondhaar verpasst hat. Das Charaktergesicht konnte man ihm nicht ganz zur typischen Bowie-Glätte wegschminken, aber er gibt schlank und zuckend wenigstens eine Ahnung des Mannes, um den es hier geht – einer der fremd und unglücklich (wenn auch durchaus noch lebendig – zu lebendig?) in der Welt ist. Die Funktion der anderen Männerrollen (Gábor Biedermann, Rainer Galke, Kaspar Locher) bleibt vage, auch von Christoph Rothenbuchner, der wenigstens im Silber-Look seine eigene Show (samt Mord) abziehen darf. Überhaupt liegt der Gesang nicht allein bei Franzmeier, der dies so weit, so gut meistert, sondern alle machen beim Songcontest des Hauses mit…

Nur zwei Damen haben Rollen, mit denen man etwas anfangen kann: Isabella Knöll als Elli ist die Sekretärin von Newton, eine reale Figur, von offensiver Erdhaftigkeit. Katharina Klar hingegen soll das Wunderwesen aus Newtons Phantasie glaubhaft machen, das die Aufgabe hat, ihn zu retten, aber allzu ätherisch, allzu abgehoben wirkt sie wahrlich nicht. Anja Herden, Evi Kehrstephan und Maria Stippich bringen sich – drei Trash-Grazien – als Sexobjekte in die Show ein, sind aber eigentlich nur die Background-Girls ohne weitere Funktion, und Claudia Sabitzer mag sich vielleicht fragen, warum sie als „Japanerin“ auf der Bühne steht, hergerichtet wie eine Karikatur der Klimt-Damen…

Aber nach dem Sinn soll man nicht fragen, Shows sind meist sinnfrei, und solcherart erreichen sie ihr Publikum am besten. Auch die zweite Vorstellung nach der Premiere fand noch ein volles Haus – und damit ist die Rechnung ja aufgegangen.

Renate Wagner

 

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