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WIEN / Volkstheater: IHRE VERSION DES SPIELS

07.10.2015 | KRITIKEN, Theater

Volkstheater_Ihre_Version-des Spiels plakat
 Fotos: Volkstheater

WIEN / Volkstheater Bezirke:
IHRE VERSION DES SPIELS von Yasmina Reza
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 2. Oktober 2015,
besucht wurde die Vorstellung am 7. Oktober 2015

Wahrscheinlich kann Yasmina Reza bis zu ihrem Lebensende behaglich von den Tantiemen leben, die ihr das Stück „Kunst“ von 1994 weiterhin einbringen werden. Sie hat nichts Besseres geschrieben als diese Dreiecksgeschichte, die unter dem Vorwand einer (brisant wirkenden) Kunstdiskussion ja doch nur das tat, was sie am besten kann: menschliche Beziehungen aufzuarbeiten, wobei sie hier die Hohe Schule balancierter Tragikomik meisterlich bedient hat.

Sie hat es, mit zwei Stücken um jeweils zwei Paare, noch mal versucht, „Drei Mal Leben“ (2000) und „Der Gott des Gemetzels“ (2006), letzteres auch viel gespielt und sogar verfilmt, aber das was so selten gelingt, hat auch Yasmina Reza nicht geschafft: ihren großen Erfolg noch zu übertrumpfen. Schon gar nicht nun mit „Ihre Version des Spiels“ (2012 in Berlin uraufgeführt, seither kaum wahr genommen). Obwohl sie wieder in die Welt der Kunst einsteigt, sogar in jene, die ihr am nächsten liegen muss, die der Literatur, wirkt sie hier eigentlich so ziemlich von ihrem Talent verlassen.

Die Situation eignet sich für eine Satire, und Regisseur Sebastian Kreyer lässt gerade diese in der Außenbezirksaufführung des Volkstheaters überdrehen: eine Dichterlesung, offenbar in der Provinz. Der Star lässt sich aus Gründen, die die Dame selbst nicht benennen kann, gewissermaßen herab. Der Veranstalter zappelt vor Glück, aber warum? Weil er sich selbst stückchenweise in den Vordergrund schieben kann. Die interviewende Journalistin weiß vor lauter Angeberei nicht, wie sie gehen und stehen soll. Und am Ende, wenn man dringlich hofft, dass es doch bitte jetzt aus ist, muss noch ein leicht angetrunkener Bürgermeister seinen Kren dazu geben und sich seinerseits wichtig machen.

Man sage nicht, dass es so etwas nicht gibt. Aber wenn der Abend (mit 100 pausenlosen Minuten) so langweilig ist, wie es eine uninteressante Lesung nur wäre? Denn selbst, wenn man sich für Literatur interessiert und eine Ahnung vom „Betrieb“ rundum hat (was vermutlich auf 90 Prozent der Theaterbesucher nicht zutrifft), wird man hier mit wenig mehr als müden Klischees bedacht. Die Reza-Spezialität, Menschen aufeinander zu hetzen, dass es nur so kracht, ist kaum andeutungsweise zu finden. Der Literaturbetrieb, ein Lieblingsthema der Literatur, hat hier nichts Theatergerechtes zu bieten.

Wenn eine Autorin darüber schreibt, wie Autoren vermarktet werden (sollen und einige von ihnen, nicht viele, es nicht wollen), dann geschieht genau das, wogegen sich die Autorin im Stück so wehrt: die autobiographische Rückkoppelung. Meint Yasmina Reza, dass man sie in Ruhe lassen soll, dass die Heldinnen ihrer Werke (selbst wenn sie am Ende Schriftstellerinnen sind) nicht mit ihr deckungsgleich sind, dass man endlich mit dem Bohren nach dem Konnex Leben – Literatur aufhören soll, dies ist dieses, jenes ist jenes (was auch nur gelegentlich stimmt)… Aber welch ein Jammer: eine einst so begabte Dramatikerin hat ihr Thema nicht hingekriegt.

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Dabei tut Anja Herden, die man in Wien kennenlernt, einfach alles, um diese Autorin Nathalie Oppenheim mit einer Überfülle geschickter psychologischer Reaktionen auszustatten, so dass sie schier mehr spielt und zeigt, als im Text steht – anfangs routinierte Höflichkeit, die bald in Ermüdung übergeht angesichts der ewig gleichen Fragen, innere Ungeduld und äußere Gefasstheit, die immer wieder bröckelt, schließlich Abscheu über die Bosheit der Journalistin, bei der man schwer Haltung bewahrt, wenn die Nerven auch schon beinahe reißen … das ist ein darstellerisches Prunkstück, an das die anderen (Birgit Stöger, Dominik Warta und Günther Wiederschwinger) schon deshalb nicht herankommen, weil sie sich bedingungslos der immer wieder doch sehr billigen Karikatur verschrieben haben.

Aber so richtig zu retten wäre da eigentlich ohnedies nichts gewesen. Eigentlich schade.

Renate Wagner

 

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