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WIEN / Volkstheater: HUMANISTÄÄ!

16.01.2022 | KRITIKEN, Theater

jandl 2 x
Fotos: Volkstheater Ostermann

WIEN / Volkstheater: 
HUMANISTÄÄ!
„eine abschaffung der sparten“ nach Ernst Jandl
Premiere: 15. Jänner 2022
 

Er „zog“ zwar nicht ganz so wie die „Sisi“ drei Tage davor, aber in Anbetracht dessen, dass die Josefstadt am gleichen Abend eine Jelinek-Premiere bot (wenn auch kein neues Stück), so war die Premiere des Ernst-Jandl-Abends im Volkstheater doch gut besucht.

Wie auch nicht? Mag Jandl auch seit mehr als zwei Jahrzehnten tot sein, Qualität wie die seine vergeht nicht. Und obwohl er in erster Linie „Lyriker“ (wenn auch einer der ganz anderen Art) war, so sind in Wien in den achtziger Jahren seine Stücke, vor allem „Aus der Fremde“ (sogar mehrmals), aber auch „Die Humanisten“ gespielt worden.

Ernst Jandl (1925-2000), das war das Spiel mit der Sprache auf unglaublich hohem – und spezifisch österreichischem – Niveau. So sehr auch das Wienerische in seine Sprache einfloß, war er doch alles andere als ein „Mundartdichter“ (von denen es, siehe Artmann, ja auch hochkarätige gab). Jandl war ein Sprachkünstler, ein Sprachanalytiker, ein Sprachphilosoph, ein Sprachdadaist. Seine Zerrspiegeleien führen immer wieder, wenn man sie mitdenkt, zu verblüffenden Erkenntnissen. Im Volkstheater versucht nun Regisseurin Claudia Bauer unter dem Titel „humanistää!“ (was die Humanisten ausreichend verballhornt), für Jandls Sprache Bilder zu finden.

Grundlage dafür sind vor allem die Stücke, zu Beginn lange Zeit vor allem „Aus der Fremde“, seine quasi „private“ Schilderung seines Alltags mit der Gefährtin Friederike Mayröcker, „Die Humanisten“, das Streitgespräch der angeblichen Intellektuellen, und Jandls „deutsches gedicht“, sein berühmter Sermon auf die deutsche Sprache, an den sich endlose Assoziationsketten knüpfen. Weitere Jandl-Texte schlagen verschiedene Themen an (u.a. seine Erinnerungen als Junge in der Nazi-Zeit).

Da das gesprochene Wort hier als Anspruch weit höher rangiert als das, was man gemeiniglich im Theater zu hören bekommt, wird der zweieinviertelstündige (pausenlose) Abend immer wieder lang und auch anstrengend – eineinhalb Stunden hätten auch genügt und weniger unnütze Aktionen vermeiden können. Wobei die Idee, den Schluß noch zur großen Show aufzuplustern, zwar für ein lautes Ende sorgt (und so etwas ist bekanntlich applausfördernd), aber man hätte sich ein „besinnliches“ Ende mit noch größerer Wirkung vorstellen können. „Nur“ lustig ist Jandl ja auch nicht.

Claudia Bauer, in Österreich vor allem in Graz bekannt, mit ihren Inszenierungen mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen (das ist schließlich der „Oscar“ für das gegenwärtige Regietheater), ist – wie das Volkstheater zu ihrem Wien-Debut sagt – in ihrer Arbeit durch „körperlich-expressives Spiel, durch eine bildstarke Externalisierung interner Zustände (u.a. mit Masken-und Puppenspiel) und ungemeine Präzision“ zu charakterisieren.

humanist nach ernst jandl

Tatsächlich bekommt man all das, mit Ausnahme der Puppen, an einem Abend vorgesetzt, der fast durchwegs von Musik begleitet wird (Komposition von Peer Baierlein), wozu zwei Musiker und eine Dirigentin vor der Bühne so aufwendig agieren, als wären sie tatsächlich ein ganzes Orchester.

Der Versuch, Jandls Texte zu illustrieren (die verwandelbare, aber eher nichtssagende Bühne stammt von Patricia Talacko), hat über weite Strecken Show-Charakter (nur auf sämtliche Gesangsszenen, insbesondere die Soli, könnte man gut und gern verzichten!)  und arbeitet anfangs mit einem  hervorragenden Trick: Während die maskierten Figuren auf der Bühne pantomimisch und mit einem kunstvoll Slapstick-Anteil agieren, stehen andere Schauspieler auf der Seite und „spielen“ den dazugehörigen Text in Mikrophone. Das gibt die richtige Klarheit und Verständlichkeit, das ist auch der Respekt vor dem Text. Leider kommt man im Lauf des Abends davon ab, dann wird (wenngleich auch in Grotesk-Optik – Kostüme Andreas Auerbach) „gespielt“, und die Klarheit von Jandls Sprache geht verloren (was beim Streitgespräch der Humanisten besonders stört).

Die komischsten und eindrücklichsten Szenen sind jene von „Aus der Fremde“, wo Jandl und die Mayröcker ihre Dialoge „spielen“, während die Kollegen sie lesen. Immer wieder bestrickend seine bekannte Form, von sich in der dritten Person zu sprechen und stets den Konjunktiv zu verwenden. (In anderen „Ich“-Texten ist Jandl dann unvergleichlich, wenn er immer den Infinitiv einsetzt).

Die Darsteller agieren einzeln und immer wieder, auch fast choreographisch, als Gruppe, meist unter Masken, tatsächlich bestechend in Präzision und Können. Leider kennt man sie noch nicht, mit Ausnahme von Evi Kehrstephan, die als einzige der Badora-Crew zu Voges wechseln durfte. Samouil Stoyanov schlüpft vor allem in die Jandl-Rolle, Bettina Lieder mimt die Mayröcker, die anderen (Elias Eilinghoff, Hasti Molavian, Nick Romeo Reimann, Julia Franz Richter, Uwe Rohbeck) sind unter den Masken meist eine gesichtslose, wenn auch sehr bewegliche Masse.

Anders als bei dem „Sisi“-Abend saß diesmal keine Claque im Zuschauerraum, die den Abend bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit durch Klatschen unterbrochen hätte. Dafür klang der Schlußapplaus überzeugt und überzeugend. Gemma Jandeln – wer etwas für Sprache und gekonnten Nonsens übrig hat, wird niveauvoll bedient.

Renate Wagner

 

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