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WIEN / Volkstheater: HABEN

28.02.2015 | KRITIKEN, Theater

Haben 9 Szenenbild
Alle Fotos: Volkstheater  © Marko Lipuš

WIEN / Volkstheater: 
HABEN  von Julius Hay
Premiere:  27. Februar 2015 

Der ungarische Schriftsteller Julius Hay (1900-1975) erlebte ein bewegtes Schicksal im 20. Jahrhundert, das ihn von Ungarn nach Deutschland und dann nach Österreich führte, die Emigration verbrachte er in der Sowjetunion (viele Juden wussten, warum sie die USA vorzogen – da musste man keine Huldigungen an Stalin verfassen), kehrte nach Ungarn heim und „floh“ von dort noch einmal, nämlich in die Schweiz, wo er starb. Wahrscheinlich sind seine Memoiren, die von den ideologischen Erschütterungen des Jahrhunderts berichten (und von der Nicht-Realisierbarkeit eines idealen Kommunismus), sein interessantestes Werk geblieben. Als Dramatiker ist Hay weitgehend vergessen, auch in seiner ungarischen Heimat, wie Regisseur Róbert Alföldi in einem Gespräch sagte (im Programmheft des Volkstheaters abgedruckt).

Alföldi inszeniert „Haben“, von Hay in den dreißiger Jahren in deutscher Sprache geschrieben, einst umstritten, ob es sich da um scharfe ideologische Kapitalismuskritik oder einfach, wie Brecht meinte, um ein ganz konventionelles Stück Theater handelt. Als solches erlebt man es nun auch im Volkstheater, und so richtig scheint „Haben“ nicht mehr zu funktionieren. Das ungarische Dorf der dreißiger Jahre wird von dem Bühnenbild von Robert Menczel nicht einmal angedeutet: eine abschüssige Böschung, im Zentrum die große Marienstatue, die zu keinerlei frommen Zwecken dient, ein paar Versatzstücke werden für die verschiedenen Szenen auf der Vorderbühne hereingerollt – und außerdem wurde ein aufwendiger Steg in den Zuschauerraum hinein gebaut. Dieser wird allerdings so selten und auch in keiner Weise effektvoll verwertet, dass er völlig überflüssig wirkt.

Dazu kommen Kostüme ohne Eigenschaften (Fruzsina Nagy), und so hat ein Wiener Publikum von 2015 alle Schwierigkeiten, dieses Stück zu verorten und in einen sozialen Kontext zu bringen. Zumal es keinerlei echte politische Relevanz in der Geschichte gibt – dass ein paar Underdogs Zettelchen mit Protest herumreichen, bleibt am Rande und ist auch überflüssig, weil es nichts aussagt und nichts bewirkt.

Es beginnt wie das Dorfstück der einfachen Leute, und wie man weiß, sind die Menschen in den Dörfern nicht anders als anderswo, es gibt auch recht miese unter ihnen. Aber Feldwebel und Korporal haben wenig Mühe, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, die Armen sind arm (zumal, wenn sie ihre Stellung in der Stadt verlieren) und die Reichen reich. Dass „Haben“ das essentielle Thema des Stücks ist, die Gier nach Besitz, spielt sich am Beispiel der zentralen Figur der Árva Mari ab, die zwar den kleinen Korporal liebt, sich aber mit dem reichen Alten verkuppeln lässt – und kaum, dass sie zu den Besitzenden gehört, schon gnadenlos wie diese agiert.

Aber davor liegt noch der Tod des Gatten, gleich nach der (nicht konsumierten) Hochzeitsnacht, und wenn Hay das Stück auch nach einer echten „Massenmord“-Geschichte in einem Puszta-Dorf geschrieben hat, auf der Bühne wirkt es doch wie reine Kolportage, dass die Hebamme des Dorfs die Frauen mit dem „weißen Pulver“ versieht, mit dem sie ihre Männer (vordringlich die alten und reichen) ums Eck bringen können.

Das Ganze spitzt sich zum „Krimi“ zu, und was zu Beginn zu langsam, behäbig und einfach langweilig war, wird dann  schrill, absichtsvoll und sogar albern in seiner Vordergründigkeit (wenn Mari und ihre Stieftochter sich gegenseitig belauern, um sich umzubringen!). Kurz, man weiß nicht recht, was man mit „Haben“ anfangen soll. Eine echte Psychologie der Besitzgier ist es wahrlich nicht geworden.

Möglich, dass die unausgegorene Inszenierung hier schadet, aber zu retten wäre das Stück wohl kaum gewesen. Róbert Alföldi, bis 2013 hoch geschätzter Intendant des Ungarischen Nationaltheaters in Budapest, bekam zu spüren, was es bedeutet, einem totalitären Chef nicht zu gefallen und wurde von Viktor Orbán ausgetauscht. Hier am Volkstheater ein zerflatterndes Stück mit Riesen-Ensemble zu inszenieren, mag eine Herausforderung gewesen sein, eine dankbare Aufgabe ist es nicht. Auch nicht für die Schauspieler des Hauses, von denen die meisten – viele sonst in „ersten“ Rollen beschäftigt – zu „Ensemble-Hunden“ degradiert wurden. Viele nahm man kaum wahr, andere überzeugten wenig.

Haben 7 Mangold, Holzmann  Haben 2 er und sie
Erni Mangold, Annette Isabella Holzmann  / Aaron Friesz, Andrea Bröderbauer

Selbst Erni Mangold in der Rolle der mörderischen Hebamme Frau Képes kann die Umrisse ihrer Figur nicht klar machen – handelt sie nur aus Gier, aus Bösheit oder aus Mitleid mit den Frauen, wenn sie ihre Pülverchen hinter der Marienstatue herholt? Da wäre mehr drin gewesen in der Figur, könnte man sich vorstellen. (Schade, dass man sich an die Burgtheater-Aufführung von 1972 nicht mehr so recht erinnert, wo Alma Seidler die Hebamme spielte.)

Auch Andrea Bröderbauer, blond und zart, überzeugt nicht wirklich als Mari – die unentschlossene Liebende vielleicht, aber das Umkippen zur kämpferischen Mörderin bleibt gänzlich unglaubwürdig. Da ist ihr Liebster, Aaron Friesz als junger Korporal Dani, schon interessanter, denn um ihn irrlichtert die Ungewissheit, was in ihm vorgeht – geradlinig ist es jedenfalls nicht. (Dass er seine Mari am Ende erwürgt, ist laut Programmheft eine Erfindung des Regisseurs, dem dieser – auch nicht unkitschige – Liebestod wohl lieber war als Gefängnis oder Hinrichtung für seine Heldin. Aber wie das Stück nun für Dani ausgeht, weiß man solcherart absolut nicht!)

Unter all den Frauenrollen gibt es nur noch eine überzeugende, aber Annette Isabella Holzmann muss die hinkende, kranke, ekelhafte Stieftochter überdrehen wie die böse Hexe im Märchen. Für Nebenrollen wie die unsichere Mutter Maris ist jemand wie Martina Stilp wohl mit einiger Sicherheit nicht zum Theater gegangen, und wenn Matthias Mamedof, eine Hauptrollen-Stütze des Hauses, hier in einer lächerlichen Nebenrolle herumsteht, die man gar nicht bemerken würde, wenn er sie nicht spielte, wirkt das auch gelinde gesagt seltsam.

So halb und halb plastische Figuren können Alexander Lhotzky als Dorfpolizist, der es friedlich möchte, Patrick O. Beck als Priester (von dem man allerdings nur mitkriegt, dass er ein fester Säufer ist), Ronald Kuste als verfressener Arzt auf die Bühne stellen. Haymon Maria Buttinger als reicher Alter stirbt sehr bald, und das ist gut, denn als Schauspieler wirkt er im allgemeinen wenig überzeugend. Man könnte noch einige Namen aufzählen, aber man kann es auch bleiben lassen, weil sie irgendwo im Geschehen untergehen.

Was war das nun? Ein Bauern-Krimi? Ein braves Theaterstück über schlimme Leute? Die Analyse des Habens als Triebfeder menschlichen Handelns blieb der Autor sicher schuldig. Freundlich war der Applaus allemale, und wenn nur als einziges politisches Element leise mitschwang, dass man einem Orbán -Gegner Sympathie erweisen wollte. So großartig wie in den Zeiten, als das Burgtheater die Werke des damals im Gefängnis sitzenden Vaclav Havel spielte und das Publikum das Bild des logischerweise Nicht-Anwesenden bejubelte – so spektakulär geht es heute nicht mehr zu…

Renate Wagner

 

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