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WIEN / Volkstheater: GUTMENSCHEN

11.02.2018 | KRITIKEN, Theater

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Foto: lupispumacomVolkstheater 

WIEN / Volkstheater:
GUTMENSCHEN von Yael Ronen und Ensemble
Uraufführung
Premiere: 11. Februar 2018

Nein, die „Gutmenschen“ haben es nicht leicht hierzulande. Schließlich sind die „Anderen“ (wer will schon ein „Schlechtmensch“ sein, aber das Wort fällt) die 60prozentige Majorität im Land, wie die Wahlen gezeigt haben. Und die „Anderen“ glauben den Gutmenschen nicht so recht, nennen sie Heuchler, finden die Betroffenheit mittels Kerzentragen bei Demos zu einfach – kurz (!), sie wollen ihnen nicht die Genugtuung lassen, die einzig Guten zu sein, die das einzig Richtige tun. Aber darauf bestehen die „Gutmenschen“ nun einmal – und die Stimmung ist in beide Richtungen gereizt…

Wenn die israelische, in Berlin lebende Theatermacherin Yael Ronen (mit einem unverrückbaren Koffer im Volkstheater in Wien) nun ihr jüngstes, mit dem Ensemble erarbeitetes Stück dezidiert „Gutmenschen“ nennt, dann greift sie zu einem unwiderstehlichen Mittel, um nicht in Gift und Galle zu versinken: dem Humor, Selbstironie inbegriffen. Das ehrt sie, das macht die 90 pausenlosen Minuten im Volkstheater leicht, hat sogar Platz für einen Hauch von Dialektik. Was nicht heißt, dass Agitprop nicht auch feste bedient wird.

Grundsätzlich ist „Gutmenschen“ die Fortsetzung des Stücks „Lost and Found“ von 2015, in dem „Ronen und Ensemble“ (wie sie sich nennen) die Geschichte eines syrischen Flüchtlings angerissen haben, der in Wien Unterschlupf bei seiner Cousine fand (wahre Geschichte, diese Cousine, Seyneb Saleh, ist Schauspielerin im Volkstheater, wirkt aber diesmal nicht mit).

Nun sind wir so weit, dass der Flüchtling Yousif Ahmad seit gut zwei Jahren hier lebt und einen negativen Asylbescheid bekommen hat. (Das zweifellos vorhandene Demokratiebewusstsein der Gutmenschen sollte allerdings „Es gilt die Unschuldsvermutung“ einräumen, bevor man den Berufungsrichtern unterstellt, sie seien nur dazu da, die Abschiebungen einfach zu bestätigen – sonst haben wir gleich den verpönten „Generalverdacht“, wenn auch einmal auf der anderen Seite.) Die „Gutmenschen“ beraten nun auf der Bühne, was zu tun sei, und sie tun es in einer ironisch verfremdeten, mit vielen Videoschirmen ausgestatteten Szenerie (Wolfgang Menardi). Schon die Optik, auch die Videoschräglage, signalisiert: Humor!

Da ist Maryam (Birgit Stöger), die Cousine des Flüchtlings, die sich und ihre Familie als Live-Online-Reality-Show an Red Bull verkauft hat – ununterbrochen auf den „Faschisten“ Mateschitz loszuschlagen, ist zweifellos ein ganz wichtiges Anliegen an diesem Abend. Da ist Maryams Bruder (Sebastian Klein), der an der Seite seiner Gefährtin Klara (Katharina Klar) ziemlich kleinlaut geworden ist – der neue Mann, der nur bei den irrwitzigsten Frauenforderungen (und da gibt es viele und auch viele ziemlich blöde) ein wenig aufzubegehren wagt.

Diese Klara, reiches Töchterchen und links, linker, am linkesten, darf den zentralen Höhepunkt des Abends mit einem Song bestreiten. Im Stil von Peter Turrini, der sich ja auch immer liebevoll an die „Irregeleiteten“ wendet, singt sie tragisch von denen, die „so weit, weit rechts“ stehen, die in einer „eigenen Blasen“ leben, mit denen man nicht reden kann, und „des tuat ma schiach“, mit der innigen Aufforderung: „Kumm her zu mia!“ Was das stürmisch jubelnde Volkstheater-Publikum natürlich nicht betrifft, die sind schon da – man kann nur hoffen, dass ein paar von den „60 Prozent“ sich in den Folgevorstellungen zu Bekehrungszwecken bei den „Gutmenschen“ einfinden…

Weniger Funktion hat ein schwules Pärchen (Knut Berger und Paul Spittler), die für Anrufe bei einem teuren, wenig Hilfe und Hoffnung versprechenden Anwalt zuständig sind, während Jutta Schwarz die unsympathische alte Dame spielen muss, die, igitt!, Kurz gewählt hat. Am Ende schreitet der Flüchtling, um den so viel herumgeredet wurde, einmal schweigend über die Bühne. „Es wird definitiv dunkler hier“, heißt es tiefsinnig, nachdem man eigentlich (auch dank der flapsig-selbstironischen Darsteller) immer wieder lachen durfte.

Aber was wissen wir eigentlich nach diesem Abend über „Gutmenschen“? Dass sie manchmal Blödsinn reden und auch ihre Schwächen haben? Dass sie, so wie sie sich hier gebärden, nicht ernst zu nehmen sind? Das kann ja wohl nicht gemeint gewesen sein.

Renate Wagner

 

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