Fotos: Volkstheater / Marcel Urlaub
WIEN / Volkstheater:
FRÄULEIN ELSE
Frei nach Arthur Schnitzler
Premiere: 8. Februar 2025
Das Else-Kabarett
Die Handlung von Arthur Schnitzlers meisterlicher Monolog-Novelle „Fräulein Else“, erschienen 1924, ist schnell erzählt. Else, der man in einem Luxushotel in den Dolomiten begegnet, eingeladen von einer reichen Tante, kann nur so lange als „Tochter aus gutem Haus“ gelten, als nicht publik wird, dass ihr Vater ein Defraudant ist. Das dringend benötigte Geld soll die Tochter, so ist einem flehentlichen Brief zu entnehmen, doch von dem reichen Herrn von Dorsday erbitten – obwohl der Vater genau weiß, dass dieser das nicht umsonst machen wird. Tatsächlich ist der weiße alte Mann wohl schon impotent, aber immer noch ein Voyeur, und sein Preis lautet: Er will Else nackt sehen, was sie in einen Strudel von Gefühlsabgründen stürzt, mit denen sie nicht umgehen kann. Sie zeigt sich der ganzen Gesellschaft im Hotel nackt und stirbt an einer Überdosis Veronal.
Dass man eine solche Parabel sexuell konnotierten Machtmißbrauchs hundert Jahre danach als #metoo-Fall verkauft, worauf heute so empfindlich reagiert wird, ist verständlich. Was allerdings geschieht, wenn man die Geschichte zwei jungen Frauen anvertraut, die sich mit „Fräulein Else“ deklariert „frei nach Arthur Schnitzler“ herumspielen dürfen, das sieht man jetzt im Volkstheater. Der Kommentar von Regisseurin und Schauspielerin ergibt eineinhalb Kabarett-Stunden vor dem vergoldeten Eisernen Vorhang des Hauses, wobei ein Kristall-Luster, auf dem man auch schön herumturnen kann, für die Darstellerin das einzige szenische Requisit darstellt.
Vom Originaltext ist wenig geblieben, interessant für die Interpretinnen ist nur der Nukleus der Geschichte – der böse Vater verkauft gewissermaßen die Tochter, der lüsterne Alte will ihren Körper zumindest als Wichs-Vorlage ausbeuten, und Else – ja, was tut diese Else von heute?
Die schwadroniert erst einmal heftig herum. Sie erhebt sich zu Beginn der Vorstellung aus einer der vorderen Zuschauerreihen und plaudert mit dem Publikum. Man hat den Eindruck, es habe Lisa Eckhardt mit einem ihrer Programme irrtümlicherweise hierher verschlagen, und sie versuchte krampfhaft das Publikum zum Mitmachen zu animieren. Allerdings kann die Darstellerin Julia Riedler (um diese handelt es sich in schwarzem Kaftan und weißen Turnschuhen) froh sein, wenn das Publikum ihr nicht antwortet und nicht mitspielt (worauf man sich bei den Wienern meist verlassen kann), denn wenn sie es tun, muss sie improvisieren, und da kommt sie dann leicht ins Schleudern. Wenn sie dann in den Dorsday-Szenen bei der Achterbahnfahrt von Elses Gefühlen landet, ist sie hingegen ziemlich überzeugend, auch im dauernden Wechsel von Aktion und Reflexion.
Doch sie und Regisseurin Leonie Böhm, die Konzept und Aufführung offenbar gemeinsam erarbeitet haben, gehen dann weit über Schnitzler (der sie ja nicht wirklich interessiert) hinaus. Am Ende, wenn Else (dann auch auf der Bühne halbnackt) sich zu ihm in seine Luxuswohnung begibt (Südtirol als Schauplatz spielt nicht mit, die Luft ist hier nicht wie Champagner, wie es die originale Schnitzler-Else empfinden darf), da folgt das wundersame Ende. Dorsday kommt zur Erkenntnis, was für ein Schwein er war, gesteht, sich in dieser Rolle nie wohl gefühlt zu haben, ist glücklich, ein erkenntnistiefer, woker Zeitgenosse zu werden… Kabarett, wie gesagt. Merkt auf, Ihr Männer, die Frauen erziehen Euch schon noch um!
Und ganz am Ende, wenn Else (ja, was ist eigentlich mit ihr geschehen?) sich keinesfalls umbringt, sondern (der Eiserne Vorhang öffnet sich nun) in ein vernebeltes Nichts geht, für das das Volkstheater drei weitere Kristall-Luster gespendet hat – ja, ist das ein Happy End? Was ist das?
Zwei junge Frauen von heute haben zu „Fräulein Else“ ihren heutigen Kren dazu gegeben, Julia Riedler hat das großteils mit vollem Kopf- und Körper-Einsatz formidabel gespielt, und das Publikum spendete heftigen Applaus. Die Novelle zu lesen, kann für jeden, der sie nicht kennt, nach diesem Abend noch Überraschungen bereit haben.
Renate Wagner