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WIEN / Volkstheater: FAUST

25.09.2022 | KRITIKEN, Theater

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WIEN / Volkstheater: 
FAUST von Johann Wolfgang von Goethe
Premiere: 24. September 2022 

Langsam haben Sie es aber schon begriffen, liebe Theaterbesucher? Sie mögen vielleicht ins Volkstheater gehen, weil dort Goethes „Faust“ angekündigt wird. Aber was sie bekommen, ist einzig das, was Regisseur Kay Voges dazu eingefallen ist. Wie viel das noch mit Goethe zu tun hat – geschenkt. Das ist die Theaterwelt, in der wir leben. Trotzdem war die Premiere ausverkauft – was Kay Voges bisher noch nicht oft erlebt hat…

„In der Fotografie ist, wie anderswo auch, der Augenblick seine eigene Frage und gleichzeitig seine Antwort.“ Mit dieser etwas geschwollenen Aussage von Henri Carter-Bresson hat das Volkstheater sein „Konzept“ für diese „Faust“-Inszenierung vorgestellt, wobei der Regisseur und der Dramaturg Matthias Seier Goethes Werk zu Bröcken zusammengestückelt haben. Immerhin – „Augenblick“, Verweilen“, beides im Stück wichtig, kann mit Schnappschuß, Selfie, Foto zu tun haben. Aber wie sieht dieses „Foto-Konzept“ in der Realität aus? Ein Live-Fotograf (Marcel Urlaub) springt zu Beginn herum, knipst ins Publikum hinein, und die Bilder werden in Sekundenschnelle auf eine rückwärtige Leinwand geworfen. Die Zuschauer in den ersten Reihen erkennen sich selbst und lachen. Dann taucht der Live-Mann nur noch einmal (und unnötig) auf, dann ist er weg und vergessen.

Fotos allerdings bespielen die meiste Zeit den Hintergrund der Inszenierung, oft nicht sehr spezifisch zur Handlung passend. Immerhin erlebt man so, dass die Liebesnacht von Faust und Gretchen eine echte Orgie war, bei der sie auch Kokain geschnupft hat, pfui, pfu. Dass sich vor der Bilderflut Goethes Text begibt, hat nicht immer etwas miteinander zu tun. Jedenfalls muss solcherart das Bühnenbild (Michael Sieberock-Serafimowitsch) bis auf ein paar geglückte Verwandlungen nicht viel leisten, die Kostüme (Mona Ulrich) in ihrer Heutigkeit rein gar nichts.

Dabei täuscht der Abend zu Anfang, scheint sich – so la la eben – sogar ein wenig an Goethe zu halten. Ein bisschen „Zueignung“ geflüstert, ein bisschen „Vorspiel auf dem Theater“, ein bisschen Gott und Mephisto, dann darf Andreas Beck Passagen aus der Studierstube so klar und hinterfragend artikulieren, wie man es von einem guten Schauspieler erwarten kann. Das war es aber schon – gleich darauf geht das typische Voges-Chaos los, der Regisseur, der zwanghaft keinen Stein auf dem anderen lassen kann.

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Foto: Volkstheater

Dabei fällt auf, wie sehr sich die Aufführungen des Voges-Volkstheaters gleichen. Man „bricht“ die Vorlage, würzt reichlich Gesang, Tanz und Geblödel hinein und kümmert sich herzlich wenig um den Dichter.  (Wenn es keine gibt wie bei dem „Ach, Sisi“-Abend in der vorigen Saison, ist man am besten dran, da macht man weniger kaputt.)

In Kabarett-Stil gibt es „lustige“ Szenen. Der Schauspieler, der im Vorspiel der Theaterdirektor war, ist hier zum Regisseur des Stücks geworden und singt einer bedauernswerten Darstellerin vor, wie sie den „König in Thule“ zu interpretieren hat. Dabei benimmt er sich wie das letzte Kretin – vielleicht ein Zitat, es soll ja solche Regisseure gegeben haben, als sie das noch straflos durften. Übrigens hat die junge Dame Tadel verdient, denn ihr Gesang war reine Folter für die Ohren…  Dann wird die Gretchen-Frage schnippisch gleich von vier Gretchens gestellt (eine verwandelt sich dann in die per Schlaftrunk ausgeschaltete Mutter). Dann macht Valentin aus seinem Tod eine echte Pradler-Szene. Faust hat schon vorher versucht, im Alleingang am Mikrophon die ganze Gartenszene mit verteilten Rollen (bzw. deren Satzfetzen) zu spielen – hoffnungslos unverständlich für alle, die ihren „Faust“ nicht wirklich im Kopf haben.

Wenn Gretchen nach einer schier endlosen Gefängnisszene (wieder von vier Damen geflüstert) endlich tot ist (Gerichtet? Gerettet? Keine Ahnung, interessiert doch hier niemanden), gibt es noch gut 20 Minuten Stückchen aus „Faust II“. Wenn wir „im farbigen Abglanz“ das Leben haben, sind das wieder Fotos – vor dem Hollywood-Schriftzug, vor einem griechischen Tempel, vor einer kriegszerschossenen Häuserfassade (sonst hätte man an diesem Abend glatt vergessen, politisch relevant zu sein!). Fausts Begegnung mit der Sorge gibt wieder Gelegenheit, Fotos zu zeigen, mit denen man großteils nichts anfangen kann – ja, und seinen „höchsten Augenblick“ erlebt der arme Mann (einer der vielen Protagonisten, die alle irgendwann Faust sind) auf Ringen hängend in der Luft schwebend. Das erinnert allerdings eher an eine Hinrichtung… Und dann ist es nach zweieinviertel pausenlosen Stunden endlich zu Ende, wobei sich neun Schauspieler (vier Damen, fünf Herren) redlich abgeplagt haben, ohne dass auch nur einer von ihnen wirklich zur Geltung gekommen wäre.

Was hat man also gesehen? Die Spielwiese von Herrn Kay Voges, bunt und eher einförmig, sicher nicht zielführend in Richtung Goethe. Claus Peymann rief mehrfach „Bravo“ (er blieb der Einzige), aber das Publikum klatschte heftig. Man muss schließlich zeigen (muss man?), dass man von heute ist. Der Kritiker hat es besser, er (sie)  darf wenigstens den Geist, der stets verneint, spielen.

Renate Wagner

 

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