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WIEN / Volkstheater: FASCHING

06.09.2015 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Volkstheater Lupispuma

WIEN / Volkstheater: 
FASCHING von Gerhard Fritsch
Bühnenfassung von Anna Badora und Roland Koberg
Premiere:  5. September 2015 

Zuerst, man gesteht es ein, interessierte an der neuen Volkstheater-Ära von Anna Badora der Zuschauerraum. Der rote Stern des Michael Schottenberg war mit viel Trara abgenommen worden, aber in den neuen Zuschauerraum kam man erst bei der Premiere: Tatsächlich hat man das Parterre mittels einer Tribüne bis zum Balkon hoch gezogen, was nicht nur scheußlich aussieht, sondern auch die ganze Harmonie des Raums zerstört. Nun ist ein Helmer & Fellner-Bau ja keine Kleinigkeit, sondern eine Kostbarkeit, und grundsätzlich versteht man nicht, wie das Denkmalamt dergleichen Verschandelung zustimmen konnte. Andererseits wird das im Roten Wien für ein parteieigenes Gebäude auch so schwer nicht gewesen sein – aber eine Schweinerei bleibt es doch. Immerhin, das Publikum „unten“ sieht vermutlich besser.

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Eine Einstandspremiere ist immer ein Problem, aber wer ein Stück österreichischer Selbstkritik auf die Bühne bringt und wieder einmal den ewigen Faschismus des Landes anprangert (was natürlich so neu nicht ist…), befindet sich auf der sicheren Seite (abgesehen davon, dass es am Ende ein Quentchen Anti-Strache-Wahlkampf ist, der hier abgeliefert wird).

Und wenn dann noch ein zwar nicht übermäßig berühmtes, aber, wie es heißt, ein „verkanntes Opus magnum“ eines zwar nicht übermäßig berühmten, aber geschätzten Dichters auf die Bühne gebracht wird – es sollte nicht viel passieren. Nun hat Gerhard Fritsch (1924–1969) „Fasching“ allerdings als Roman geschrieben, und das mag ein glanzvolles Stück Prosa sein (ich maße mir kein Urteil an, ich habe das Buch nicht gelesen): Das, was Anna Badora und Dramaturg Roland Koberg daraus gemacht haben, eignet sich dagegen nicht zwingend für die Bühne, obwohl die Skurrilität der Handlung ein wenig von den sonst üblichen Kriegs- und Nachkriegsgeschichten abweicht.

Da ist also ein junger Mann namens Felix Golub, der 1944 als 17jähriger desertiert, nicht aus Feigheit, sondern aus den edelsten Motiven. Gerettet wird er in seinem kleinen Ort (in Steirischen vermutlich) von der seltsamen „Baronin“, die so machtgeil wie pervers ist, ihn in Mädchenkleider steckt, aber nichtsdestoweniger für Sado- und Sexspiele aller Art benützt. Dass der junge Mann das Städtchen vor der Zerstörung rettet, kommt in einer Szene ohne sonderliche Logik heraus (Logik darf man überhaupt kaum verlangen, weder von der Handlungsführung noch von der Inszenierung), und die Heldentat rettet ihn auch nicht vor der russischen Kriegsgefangenschaft.

Dass er zwölf Jahre später unbedingt genau an diesen Ort zurückkehren will, wo keiner ihn mag, weil man auch in den späten fünfziger Jahren einem Deserteur vorwirft, das Vaterland verraten zu haben, und er im übrigen alle an unliebsame Zeiten erinnert, die man sich inzwischen schon „zurechtgebogen“ hat, bringt Felix Golub also nur den geifernden Haß und die Gemeinheit der Mitwelt, die Häme der Baronin und den gut gemeinten Rat seiner Braut, er solle sich doch fügen, hübsch brav und bescheiden sein, nichts mehr von früher reden, und dann darf er auch beim Fasching als geachtetes Mitglied mitfeiern… Ja, so san’s, die Österreicher, das vorzuführen, schlägt immer in die richtige Kerbe.

Allerdings nicht so sehr in einer Dramatisierung, die komplett zerflattert, dass man oft gar nicht weiß, was mit „chorischen“ Auftritten gemeint ist (abgesehen davon, dass sich das komplett neue Ensemble wohl noch nicht an das Haus gewöhnt hat, zum Teil aus schlechten Sprechern besteht und man zumindest am Rang die Hälfte des Gesprochenen nicht versteht). Patchworkartig, weit entfernt von einer stringenten Handlungsführung mit einigermaßen klarer Aussage, werden kleine böse Szenen hingeknallt und verschwimmen wieder in der Inszenierung der neuen Direktorin, die gänzlich verwaschen erscheint. Es kann ja hier nicht um eine vage Revue des  Bösen gehen, man müsste mit etwas Präzision zum Punkt kommen. Was bei Anna Badora sehr selten geschieht – und die Bühne von Michael Simon, auf der sich ein großes weißes Rahmengerüst befindet, über das dauernd geklettert wird, ist da ein entsprechend vager Raum. Die Kostüme von Denise Heschl sind wohl auch für die vielen Halbmasken verantwortlich, die alles noch konfuser (und unverständlicher in jeder Hinsicht) machen.

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Nikolaus Habjan / Adele Neuhauser

Von Puppenspieler Nikolaus Habjan wird man im neuen Badora-Volkstheater noch viel sehen, er gehört offenbar zum fixen Bestandteil ihrer theatralischen Vorstellungswelt. Hier lässt man ihn und seine Puppe als Verdoppelung der Hauptfigur gelegentlich das Geschehen kommentieren, was wohl poetisch und geheimnisvoll sein soll, aber im Grunde nur wenig bringt.

Der „echte“ Felix Golub ist in Gestalt von Nils Rovira-Muñoz eine schmale, interessante Figur, der leider noch eine tragfähige Stimme aus sich herausholen muss, um auf der Bühne wirklich zur Geltung zu kommen. Immerhin lässt er zwischen Demütigung und Aufbegehren immer wieder aufhorchen.

Dass Anna Badora mit Stefanie Reinsperger die als solche deklarierte „Schauspielerin des Jahres“ für ihr Ensemble gewinnen konnte, hat sicher hohen Publicitywert. In Wien hat sie allerdings von ein paar wenigen Burgtheaterauftritten noch nicht die Popularität eines Publikumslieblings, und mit der Rolle der beflissenen, sich duckenden Freundin des Helden kann sie bei aller Suada, die sie gelegentlich entwickelt,  auch nicht wirklich prunken.

„Die“ Rolle des Stücks ist die sexbesessene Baronin – eine Figur, in der man „Tatort“-Kommissarin Adele Neuhauser nicht unbedingt gesehen hätte, aber eine gute Schauspielerin erspielt vieles, und da müsste sie nicht einmal in Korsett und mit Peitsche auftreten, man glaubte ihr auch so, wie mies und maliziös sie ist.

Aus dem Rest des Ensembles ragt durch die Gnade einer etwas größeren, durchgehenden Rolle Stefan Suske als angeblich schwuler Fotograf heraus, der dann nicht schwul ist, während die anderen Herrschaften undankbarerweise „alles“ in verschiedenen Masken spielen müssen und so gut wie nie individuell zur Geltung kommen.

So unentschlossen der Abend sich auch geben mochte, das Premierenpublikum hat der Ära Badora dennoch einen applausstarken Einstieg bereitet. Was die späteren Repertoirevorstellungen betrifft – wer etwa in „Fasching“ geht, um die „Schauspielerin des Jahres“ oder, etwas wahrscheinlicher, die „Tatort“-Kommissarin live zu erleben, der zahlt einen hohen Preis. So richtig gutes Theater bekommt er in knapp drei Stunden nicht als Draufgabe.

Aber es gibt ja nächste Woche gleich noch zwei Premieren…

Renate Wagner

 

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