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WIEN / Volkstheater: DON KARLOS

17.11.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Lukas Watzl , Günter Franzmeier    © www.lupispuma.com / Volkstheater

WIEN / Volkstheater:
DON KARLOS von Friedrich Schiller
Premiere: 16. November 2018

Die großen deutschen Klassiker waren schon in besseren Volkstheater-Zeiten nicht unbedingt die Stärke des Hauses. Umso mutiger von Anna Badora, mit ihrem schwer schwankenden Schiff Friedrich Schillers „Don Karlos“ an Land zu ziehen – dreistündig (was immer noch eine Riesenmenge an Strichen bedeutet), in fast „heutigem Gewande“, unternommen von der in Wien debutierenden polnischen Regisseurin Barbara Wysocka.

Natürlich kann kein Regisseur, der auf sich hält (so mutig wäre niemand!) das Stück in seiner Welt (16. Jahrhundert) belassen, aber ganz ins Heute holt es das Bühnenbild von Barbara Hanicka auch nicht, das sich im Lauf des Geschehens zerlegt, wo es mechanische Schreibmaschinen, Drehscheiben-Telefone und Plattenspieler mit Tonarm gibt und wo – und das ist eigentlich eher störend – immer wieder Musik, seien es Arien, seien es Orchesterpassagen, aus Verdis „Don Carlos“ erklingt. Wenn schon, denn schon, hätte es auch die Welt der Computer und Smartphones sein können? Und ohne Musik, die dem Ganzen eine falsche Richtung gibt.

Doch es ist egal, denn die Optik tritt im Grunde in den Hintergrund, weil die Regisseurin eine bewundernswerte Entscheidung getroffen hat: Sie lässt Schillers Sprache – sprechen. So altmodisch, wie sie ist (ganz verschnörkelte, wenn auch bekannte Formulierungen bleiben weg), aber elastisch, klar, auf den Punkt gebracht, so dass der Zuschauer allein dadurch gepackt wird. Man kann auf diesem Text geradezu reiten, sich von ihm tragen lassen. Auch hat man es ja nicht mit einem ganz einfachen Stück zu tun, gegen Ende, wenn dann manches „erzählt“ wird statt gezeigt, versucht die Regisseurin so klar wie möglich durch die nicht leicht zu durchschauende Intrigenhandlung zu steigen – kurz, es geht ihr um das Stück. Um Schillers Qualitäten. Und so, wie es von den Herren gespielt wird, könnte es auch in stilisierenden Kostümen von anno dazumal stattfinden, dann wären die politischen Implikationen noch klarer… Aber das Chaos-Bühnenbild ist ja wohl ein nötiger „Kopfstand“, um den Status „modern“ zu erlangen.

Die Männer sind die Helden des Abends, voran Günter Franzmeier als sehr moderner Philipp II., ein kühler Chef und Mann mit Format, nicht der Küchentisch-Jammerer, als den man die Figur zuletzt 1999 nicht sehr überzeugend am Volkstheater gesehen hat. Nur am Ende, wenn Schiller und das Schicksal zu viel auf ihn zu häufen scheinen, gerät er ins Wanken. Im übrigen ist er, wie es viele große Philipp-Darsteller waren, das Zentrum des Abends.

Schiller war bekanntlich ein echter, wohl informierter Historiker (am allerbesten hat er es in seiner „Maria Stuart“ bewiesen), aber die Figur des Infanten Don Karlos schwankt zu sehr in der Geschichte. Da nimmt man, was er zeichnete – einen jungen Mann im doppelten Konflikt mit seinem Vater. Hier ist der Macht- und Gewaltherrscher, dort der Sohn, der vom Idealismus seines Freundes Posa angesteckt den Niederlanden die Freiheit bringen will. Aber die Sache läuft bekanntlich auf zwei Ebenen – einst hat man Karlos die gleichaltrige Elisabeth von Valois als Braut zugeteilt, er hat sich verliebt, der Vater nahm sie statt dessen zur Frau: So erlebt man einen jungen Mann, den die Hormone schütteln, aber ebenso der Haß, die Geliebte an der Seite des alten Mannes sehen zu müssen, unerreichbar für ihn… Lukas Watzl zappelt den doppelten Zorn des Don Karlos, der auch die intrigante Welt des Hofes inbrünstig hasst, mit jugendlich-fickriger, vielfach herausfordernd-bösartiger Überzeugungskraft, zumal er ja viel einstecken muss (nicht zuletzt den vermeintlichen Verrat des Freundes).

Sebastian Klein ist als Marquis von Posa von unheldischer, selbstverständlicher Qualität, als Zuschauer zweifelt man nie an ihm, auf der Bühne ist der Strudel der Handlung trotz der Regiebemühungen nicht immer zu klären und zu glätten. Dass Posa, der „Roderich“, wie Karlos ihn nennt (wenn man bei der deutschen Schreibweise bleibt), immer eine braune Reisetasche bei sich trägt – er kommt zwar anfangs von einer Reise, aber irgendwann verstaut man die doch? – , veranlasste König Philipp zu der Frage, was der Marquis eigentlich in dieser Tasche trüge? Kleiner Premierenscherz, oder in die Handlung eingebaut?

Vom Personal des originalen Schiller-Stücks ist mancher dem Rotstift zum Opfer gefallen, aber Jan Thümer als immer hektischer Graf von Lerma, Stefan Suske als Domingo (genau so stellt man sich einen schleimenden Priester vor) und – rechnen wir sie zu den Herren – Steffi Krautz als Herzog von Alba (wenn sie ihn so spielt, erledigt sich die Frage, warum eine Frau einen Mann spielen muss) halten den Hof zwischen Aranjuez und Madrid am Laufen. Dazu kommt noch Florentin Groll aus Großinquisitor (am Premierenabend ein bißchen text-wackelig).

Seltsamerweise ist der Regisseurin der Zugriff auf die Frauenrollen total misslungen. Haben die Männer den Figuren ihre Würde belassen, so ist das bei den Damen überhaupt nicht der Fall. Nichts rechtfertigt, aus der Elisabeth eine herumbrüllende, aggressive, maulige Hysterikerin zu machen, wie es Evi Kehrstephan immer wieder angeheizt tut, und das lächerliche kleine Mäderl, als das Isabella Knöll auf der Bühne steht, ist nie im Leben eine Prinzessin von Eboli. Auch warum Claudia Sabitzer als Herzogin von Olivarez in einen Schreikrampf ausbrechen muss, versteht man nicht. Warum hat sich die „Regie“, die bei den Männern so angenehm nahe am Stück bliebt, bei den Damen so verfahren?

Und dennoch: Letztendlich funktionierte der Abend trotz des szenischen Chaos und den fehlgeleiteten Damen, denn die Männer haben einen vorzüglichen „Don Karlos“ von Schiller gespielt.

Renate Wagner

 

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