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WIEN / Volkstheater: DIE ANKUNFT

Gesichert Jelinek

27.09.2026 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Antonia Mayer

 WIEN / Volkstheater: 
DIE ANKUNFT von Elfriede Jelinek
Bestehend aus: WOLKEN.HEIM. /  RECHNITZ – DER WÜRGEENGEL /  DAS SCHWEIGENDE MÄDCHEN /  DAS LEBEWOHL – NEIN: DIE ANKUNFT
Premiere: 26. September 2026

Gesichert Jelinek

In Zeiten wie diesen, wo die Machtübernahme durch die gesichert Rechtsradikalen droht, muss die herrschende Klasse, die Bewahrer der wahren Demokratie, zu den härtesten Mitteln im Kampf gegen die verhassten „Die sind die Bösen“-Feinde greifen. Im Theater ist Elfriede Jelinek hier in ihren lebenslangen Attacken gegen den Faschismus eine gesichert verlässliche Streiterin.

Volkstheater-Direktor Jan Philipp Gloger wäre ein Stück nicht genug gewesen, um seine Aussagen zu tätigen, er nahm sich ein Quartett von Texten her, womit er mit dreieinviertel Stunden Spielzeit fast an den Jelinek-Marathon des Burgtheaters heran reicht. Im Vergleich zum Haus am Ring kann man sagen, dass er den Texten der Autorin mehr Beachtung schenkte und Regiespäßchen nicht dermaßen in den Vordergrund rückte wie der Kollege drüben..

Als Aperitif „Wolken.Heim“. mit Hitler-Zitaten gespickte Texte, die die Bevölkerung in „Wir“ und „die Anderen“ auseinanderdividieren, ein aktuell gebliebenes Thema, von der Jelinek schon in den achtziger Jahren so formuliert.

Dann das vielleicht Beste, was sie je geschrieben hat: „Rechnitz – Der Würgeengel“ (in Wien schon mehrfach gespielt, auch hier am Volkstheater, zuletzt exzellent 2022 an der Josefstadt). Die Geschichte, wo eine ausgelassene Partygesellschaft in den letzten Tagen des Krieges sozusagen „aus Hetz“ noch 200 jüdische Zwangsarbeiter erschießt, geht nach wie vor unter die Haut. Zweifellos ein Höhepunkt des Abends, wenn ein Protagonist mit umgedrehter Schaufel minutenlang zweihundert Mal auf den Boden stampft – jeder Knall ein Schuß… Danach: Luxusleben im Exil, frei von Reue und Strafverfolgung. Damit sind zwei Stunden gefüllt, man geht in die Pause.

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Danach „Das schweigende Mädchen“, eine Novität für Wien. Hier führt der Regisseur in ein verwirrendes Chaos – offenbar ein Brandanschlag, eine Verdächtige, die schweigt, ein dodeliger Richter mit bayerischem Zungenschlag, der offensichtlich ohnedies nichts wissen will, ein Dialog zweier Katzen, die wie aus dem Burgtheater entkommen wirken, und schließlich lange Listen von ermordeten Ausländern, deren Tod offenbar ungesühnt geblieben ist. Diffus inszeniert, unnötig mit Musik und Gesang aufgeputzt, ist das der entbehrlichste Teil des Abends.

Der letzte, „Das Lebewohl – Nein: Die Ankunft“, wirkt hingegen, als sei er für diesen Abend geschaffen worden. Er beginnt mit einem fröhlichen Gesang auf den „Volkskanzler“ und die „Remigration“ und bringt sogar einen Eisenbahnwaggon auf die Bühne, wie jene, mit denen im Dritten Reich die Juden in die Vernichtungslager gebracht wurden. Er verschwindet allerdings schnell und weicht dem Freudentaumel der „Rechten“, die es offenbar geschafft haben (dass 60 Prozent der Bevölkerung sie nicht wollen, stört sie gar nicht). Triumphierende Sprüche, ein schwuler Kuss hinein gemengt (dabei gilt für sie doch nur „die Familie“) und exzessives Geblödel, das dann als Vernichtungsstrategie nicht so gut wirkt, weil es einfach zu billig ist. Aber wenn man schon die Gelegenheit bekommt, muss man eben richtig drauf loshauen, ist ja einzusehen. Hier hätte der Regisseur mit etwas Stringenz zweifellos mehr erreicht.

Das Darsteller-Kollektiv kann man nur als solches benennen, jede und jeder spielen alles in den vier Stücken, und sie tun es mit vollem Einsatz, leider nicht immer mit voller Wortdeutlichkeit, die hier ja zumindest angestrebt wurde. Auf der Bühne stehen Katharina Kurschat und Anna Rieser, Andrej Agranovski, Tjark Bernau, Elias Maria Burckhardt, Josef Mohamed und Maximilian Pulst.

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Als besonderen Clou hat man angekündigt, dass Emmy Werner als Schauspielerin an „ihr“ Haus zurückkehren würde. Glücklicherweise wussten noch genügend Leute, wer sie ist, so dass es zu einem (wenn auch nicht stürmischen) Auftrittsapplaus kam. Immerhin war sie die erste Frau, die eine große Wiener Bühne leitete (bei kleinen Häusern gab es das schon früher). Es war nicht alles gut, was sie brachte, aber vieles interessant und auch wichtig, Jelinek hat sie jedenfalls in ihrer Ära gespielt.

Was ihre „Rolle“ bzw. Funktion an diesem Abend betraf, so wirkte sie die längste Zeit dramaturgisch verloren, mit zwei schwarzen Riesenflügeln wie ein dunkler Engel, der wenig zu sagen hatte. Erst ganz am Ende durfte sie sich gewissermaßen in Elfriede Jelinek verwandeln und erklären, sie müsse immer beobachten und alles aufschreiben, was sie sähe…

Es war ein Abend, gemacht für das Publikum des Hauses, das auch heftig klatschte. Elfriede Jelinek hat gesichert geliefert, was man von ihr seit Jahr und Tag erwarten kann.

Renate Wagner

 

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