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Foto: Susanne Hassler-Smith
WIEN / Volkstheater-Bezirke / VHS Hietzing:
WOYZECK von Georg Büchner
Premiere: 18. September 2026
besucht wurde die Vorstellung am 10. Oktober 2026, 16 Uhr
Überbordende Brutalität
Bis heute ist „Woyzeck“ von Georg Büchner (Fragment hin oder her) eines der großen Stücke der deutschen dramatischen Literatur – nicht zuletzt deshalb, weil ein blutjunger Dichter sich für einen Underdog der Gesellschaft interessiert und dessen hoffnungsloses Abgleiten in Mord und Tod geschildert hat. Mit aller Anteilnahme für das Opfer, das ausgebeutet, gedemütigt und betrogen wird.
Am Ende steht der Mord an seiner Gefährtin Marie – das heißt üblicherweise, nicht in der Aufführung, die das Volkstheater derzeit durch die Bezirke schickt. Da hat Regisseurin Mechthild Harnischmacher, wie es heute üblich ist, von dem Original des Stücks wenig übrig gelassen. Als One-Man-Show bietet sie eine Orgie überbordender Brutalität, wozu ein gewaltiges Schlagzeug in den Untergang trommelt.
Die Bühne (Ausstattung: Marlen Duken) bietet nicht viel mehr als links einen Spielautomaten, aus dem Woyzeck zu Beginn in quälender Ausführlichkeit nichts gewinnen kann. Rechts ein paar Wohnungsversatzstücke, außerdem sitzt da Katharina Ernst am Schlagzeug, Komponistin und Interpretin zugleich, und so brillant sie auch ist, hat man ihr doch mehr Raum (Zeit) eingeräumt, als der Sache gut tut.

Samouil Stoyanov kommt nicht als Woyzeck, der armselige Soldat, auf die Bühne, sondern als Mann von heute, der nichts hat und nur herumgestoßen wird. Er selbst steht gar nicht im Mittelpunkt, sondern die Männer um ihn – die Hauptaufgabe des Schauspielers, und die meistert er brillant, besteht darin, Doktor, Hauptmann, Tambourmajor sprachlich zu differenzieren. Allerdings nimmt er dazu vor allem Lautstärke zu Hilfe, um glaubhafte Psychologisierung geht es nicht, weit eher wieder einmal um „Stil“, um atemloses Tempo und Verdichtung der Brutalität. und .Atmosphäre.
Da die Inszenierung total unklar bleibt, ist sie im Grunde ein Hörspiel mit seltsamen Effekten (warum läuft der Darsteller einmal im Hasenkostüm durch den Zuschauerraum?)
Marie kommt nicht vor. Georg Büchner kannte den Betriff des „Femizids“ nicht. (Gerade am Tag dieser Repertoirevorstellung hatte man den nächsten Frauenmord in Wien in den Zeitungen.) Für die Regisseurin ist er natürlich, weil Frauen immer noch Opfer werden, wichtig. Darum lässt sie ihn – nicht stattfinden. Statt dessen muss der Darsteller in belehrendem Ton in einen offenbar von Regie ( Dramaturgie geschriebenen Monolog ausbrechen, in dem dringend an die Männer appelliert wird, ihre körperlicher Überlegenheit nicht an Frauen auszulassen… Das ist unendlich läppisch, denn diejenigen, die es betreffen würde, sitzen mit Sicherheit nicht im Theater, und die anderen müssen sich mit Plattitüden überschütten lassen.
Es ist eine ausgesprochen hässliche Aufführung, die Büchners jeder Menschlichkeit entkleidet. Der erreichte Intensität wird wieder einmal auf Kosten des Dichters erkauft.
Renate Wagner

