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WIEN / Volkstheater – Bezirke: WEH DEM, DER LÜGT

19.02.2020 | KRITIKEN, Theater


Fotos: Barbara Palffy

WIEN / Volkstheater – Bezirke:
WEH DEM, DER LÜGT von Franz Grillparzer
Premiere: 14. Februar 2020,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 19. Februar 2020 im Theatersaal Längenfeldgasse

Nun hätte man Anna Badoras Volkstheater nicht eben verdächtigt, sich mit Grillparzers „Weh dem, der lügt“ auseinander zu setzen. Und genau genommen geschieht das auch nicht, wenn Regisseur Martin Pfaff, aus Detmold kommend, erstmals am Haus, das Stück in den Außenbezirken auf Palwlatschenbretter stellt. Am Ende bedient er nur die Tatsache, dass es sich um Grillparzers einziges „lustiges“ Stück handelt – und das ist es wirklich.

Aber eben nicht nur. Und hier begnügt man sich mit dem Jux und wischt ganz schön oberflächlich darüber hinweg, was hinter der Frage von Wahrheit, Lüge, von der Last von Prinzipien und der Pragmatik des Alltags, von Lügen mit Worten und Lügen durch Taten steht… diese Fragen stellen das Stück auf schwankenden Boden, ziehen viele problematische Ebenen ein und ergeben eine Parabel, über die man auch ehrlich nachdenken könnte. Was nicht wirklich geschieht.

Natürlich muss man froh sein, wenn ein Regisseur einen Küchenjungen in einer frühchristlich-frühmittelalterlichen Welt wenigstens einen Küchenjungen sein lässt – eine riesige weiße Kopfmütze ist da Signal und Signet. Am Anfang, wenn er in Sachen seiner Berufsehre (ein Koch, der nicht genug Geld zum Einkaufen hat, um seine Kochkünste auch entfalten zu können!) so richtig herumtobt, ist es auch ganz lustig. Aber Grillparzer hat eine sehr exakte, präzise Sprache, und die wird gleich ins Beiläufige verwischt (natürlich, man darf ja nicht deklamieren… aber man könnte es auch „sprechen“), ebenso wie sich die Handlung bald in lockeres Geblödel ergeht. Dabei ist es doch, schauen wir genauer hin, ein Tanz auf einem Vulkan, wenn Leon in die feindliche Barbarenwelt über den Rhein geht, um den Neffen des Bischofs zu befreien…

Natürlich, wenn es Konzept ist, eine Besetzung auf vier Personen „einzudampfen“, dass der fromme Bischof dann auch der barbarische Rheingraf sein muss, da ergeben sich dann die obligaten Drolligkeiten, die nur noch der oberflächlichen „Unterhaltung“ dienen. Barbarenmädchen Edrita muss, offenbar weil sie Ziehharmonika spielen kann, dieses immer wieder tun und auch englische Songs anstimmen (ob es passt oder nicht), die Handlung schaukelt sich wild und unlogisch dem Ende zu, wo man gar nicht mehr zum Thema zurückkehrt, sondern nur alle herumküssen lässt, Männlein und Weiblein durcheinander. Sicher, Grillparzer war auch ein Erbe des Wiener Volkstheaters, ja, zweifellos, aber so billig hat er es nicht gegeben.

Martin Pfaff lässt in luftiger Ausstattung von Anja Kreherhat agieren und hat offenbar den Hauptdarsteller mitgebracht, man hat den rotschopfigen Loris Kubeng (welch österreichischer Vorname!) hier noch nicht gesehen, er passt ideal zum Leon, könnte auch die Figur richtig spielen, mit all ihren Details, und man dankt ihm zumindest aufrichtig, dass er nicht jenes deutsche Bundesdeutsch mitbringt, das einem Wiener Theaterbesuche etwa viele Burgtheateraufführungen so – „entfremdet“.

Jedenfalls ist Leon, obwohl er nur einen Teil der Figur bringen kann und keinesfalls so präzise ist, wie man es sich wünschen würde, das As des Abends, und Stefan Suske spielt als „König“, Simone Krampe (aus Detmold mitgebracht) als „Dame“ und Enrico Riethmüller als „Bube“ mit.

Das Publikum fand es lustig und hat sich vermutlich nicht weiter den Kopf darüber zerbrochen, worum es über ein paar szenische Turbulenzen hinaus eigentlich gehen sollte.

Renate Wagner

 

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