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WIEN / Volkstheater Bezirke: HELDENPLÄTZE

17.10.2021 | KRITIKEN, Theater

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Foto Volkstheater / Nikolaus Ostermann 

WIEN / Volkstheater Bezirke: 
HELDENPLÄTZE von Calle Fuhr
Uraufführung
Premiere: 17. September 2021
besucht wurde die Nachmittagsvorstellung am 16. Oktober 2021 in Hietzing

Auch die sogenannten „Außenbezirksvorstellungen“ des Volkstheaters hatten in der Ära Anna Badora durch rücksichtslose Programmierung sehr gelitten und folglich enormen Publikumsschwund zu verzeichnen. Calle Fuhr, in der neuen Direktionsära mit der Leitung des Unternehmens betraut, ging es zu Anfang der Kay Voges-Volkstheater-Welt einigermaßen vorsichtig an, das nicht sehr zahlreiche Publikum von „Heldenplätze“ ließ sich durchaus fangen.

Aber natürlich nur, weil Autor / Regisseur Fuhr die bittere Pille des hochgestreckten Zeigefingers der politischen Belehrung  so relativ süß verpackt hat. Und weil mit Gerti Drassl eine Schauspielerin auf der Bühne steht, die monologische eineinhalb Stunden lang mühelos zu fesseln vermag.

Der Beginn ist etwas dick aufgetragen – eine „Resi“ aus Sallzburg darf dem Publikum, bitteschön, „Schön, dass Sie da sind“, ihr Schicksal erzählen, bisschen Therapiestunde. Und ist ja auch tragisch. Unglückliches Familienleben, gestörte Beziehung zu den Eltern, eine besoffene Tante, einzige Freude der ältere Bruder. Der stirbt bei einem Autounfall, und Theresa muss sich immer fragen, ob sie an diesem (durch einen ablenkenden Anruf, den sie in das Auto des Bruders geschickt hat, wo eine besoffene Partie unterwegs war) nicht mitschuldig ist.

Dann eine auch nicht gänzlich glückliche lesbische Beziehung, und der Beruf der „Restaurateurin“, der von tiefem Symbolgehalt ist: Denn wer Risse und Sprünge beseitigt, so dass ein Bild wieder „schön“ aussieht, verfälscht es doch? So wie Resi ihre Erinnerungen an den geliebten Bruder? Und vor allem an Toni Sailer?

Denn darum soll es in den „Heldenplätzen“ eigentlich gehen, die Österreicher als Volk der Verdränger, die sich ihre alten Ideale nicht nehmen lassen wollen. Toni Sailer, Idol von Resis Kindheit, Betrachtung seines Films „Der schwarze Blitz“ als nostalgisches Glück, Toni, der liebe Tiroler Bua… Wie geht sie mit ihrer Erinnerung um, als sich herausstellt, dass er offenbar in zwei (verbürgten?) Fällen Frauen vergewaltigt hat? Bricht jetzt alles zusammen?

Keine Frage, der Janus-Kopf ist evident, der gloriose Skiläufer, der das Gold gewann, auf das dann ganz Österreich stolz ist, der im Kino so brav und aufrecht strahlt, war vermutlich ein Alkoholiker mit Neigung zu Gewalt. Die Frage, was es bringt, wenn man solche Information Jahre nach seinem Tod öffentlich macht, wird angerissen, aber nicht wirklich beantwortet.

Auch Calle Fuhr schließt sich der „Entrüstungsgesellschaft“ der Saubermänner an, in der wir derzeit leben. Wir, die Guten, können gar nicht genug Steine auf die Bösen der Vergangenheit oder auch der Gegenwart werfen, es gibt Schlagzeilen, man kann sich auf die Brust klopfen – und wenn man dumm genug ist, wird einem die ganze Heuchelei dieses Vorgehens nicht bewusst…

Also kämpft Resi gegen das zusammenfallende Kartenhaus ihrer Erinnerungen, aber da der Autor (der auch als Regisseur und Ausstatter seiner sinnlosen Videowände fungiert, auf denen man so gut wie nichts sieht, so blaß und unscharf werden die Bilder hingeworfen) für ein ganz sentimentales Ende mit Bruder und Hund gesorgt hat, atmet das Publikum erleichert durch und klatscht der herzigen Darstellerin.

Wobei Gerti Drassl sich durch einen Text kämpft, der Umgangston findet, sich dann wieder zu schwülstigen Interpretationen klumpt (die ein solches Geschöpf kaum je formulieren würde) und natürlich die „Moral“ verkündet. Egal, sie kann es gut. Es ist ihr Abend.

Renate Wagner

VT Bezirke

Calle Fuhr
HELDENPLÄTZE

Uraufführung

Theresa Gerti Drassl

Regie und Bühne Calle Fuhr
Kostüm Friederike Wörner
Dramaturgie Matthias Seier

 

 

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