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WIEN / Volkstheater-Bezirke: HALBE WAHRHEITEN

07.05.2016 | KRITIKEN, Theater

 

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Foto: LUPISPUMA

WIEN / Volkstheater-Bezirke: 
HALBE WAHRHEITEN von Alan Ayckbourn
Premiere: 29. April 2016,
Besucht wurde die Vorstellung am 7. Mai 2016 

Nicht nur Werner Faymann bekommt zu spüren, dass die SPÖ nicht nur aus braven Schäfchen besteht. Sie können auch ganz schön aufsässig sein. Damit musste sich auch Anna Badora auseinandersetzen, seit Saisonbeginn Direktorin des Volkstheaters, die noch nicht viel Überzeugendes vorweisen kann (was sich herumgesprochen hat). Da wagten doch tatsächlich Gewerkschafter, beim Wiener SPÖ-Parteitag angesichts von „anhaltendem künstlerischem Misserfolg“ das zu fordern, was sie „personelle Konsequenzen“ nannten, also offenbar Absetzung der Direktorin, die entsprechend empört reagierte.
Allerdings versprach sie, mit den Abonnenten des Volkstheaters in den Bezirken „das Gespräch zu suchen“, da diese Herrschaften ihre Missbilligung über das Gebotene anscheinend besonders deutlich artikuliert haben.
Und tatsächlich, vor der Vorstellung in der Volkshochschule  Rudolfsheim-Fünfhaus (und wohl auch vor anderen Vorstellungen in den Bezirken), kam die Direktorin persönlich auf die Bühne, bedankte sich für die vielen Briefe, die zeigten, wie sehr das Publikum am Theater hänge, ja auch die kritischen Bemerkungen seien lehrreich  – und versprach gewissermaßen Besserung. Ob das Programm der nächsten Saison, das sie vorstellte (vier Premieren), nun so sehr der Geschmack des Publikums ist, trotz Goethes „Stella“ mit Happyend (Regisseur Robert Gerloff sei für seine „leichte Hand“ bekannt), bleibt abzuwarten.
Tatsache ist, dass das Volkstheater der Anna Badora bisher genau zwei Aufführungen zu bieten hatte, die ein Publikum des Hauses als „normales Theater“ bezeichnen würde – und beide Male einzig und allein deshalb, weil die vorgesehenen Produktionen ausgefallen sind (!!!). Das (inzwischen gestorbene) „Flüchtlings-Projekt“, das im Haupthaus durch die „Brooklyn Memoiren“ des Neil Simon ersetzt wurde, und „Mugshots“ von Thomas Glavinic, der sich seinen Theatererstling offenbar nicht von der Regie kaputtmachen lassen wollte. (Wenn er das Stück  nun im Dezember selbst inszenieren darf, kommt es ins „Volx“ im 5. Bezirk, wo das Haus seine Alternativ-Schiene pflegt).
Statt dessen sieht  man nun in den Bezirken die „Halben Wahrheiten“ des Alan Ayckbourn, die in Wien mehr ein halbes Dutzend Mal auf und ab gespielt wurden, von Burgtheater, Josefstadt, Volkstheater und den englischsprachigen Bühnen… Altbackener Boulevard, den man wirklich nur ansetzen sollte, wenn man ein so brillantes Darstellerquartett hat wie einst im Akademietheater mit Susi Nicoletti und Eva Kerbler, Theo Lingen und Ernst Anders… Das sind allerdings Namen, die nur noch die Oldies kennen, aber sie haben einst die Latte hoch gelegt.

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Ein gutes halbes Jahrhundert haben sie auf dem Buckel, die „Halben Wahrheiten“ des Alan Ayckbourn, der dann von Stück zu Stück brillanter wurde und sich vom Boulevard, den er in diesem Frühwerk noch bediente, zum großen Satiriker hochgeschrieben hat. Was er hier an den üblichen Missverständnissen bietet, in der Nachfolge französischer Farcen (und lange nicht so turbulent wie viele seiner Cooney / Chapman & Co. Kollegen), wirkt heutzutage nahezu schwerfällig.

Der Ehebrecher und seine Ex-Freundin lügen, was das Zeug hält, damit die Ehefrau und der Verlobte ihnen nicht auf die Schliche kommen –  aber auch wenn das Publikum die längste Zeit gescheiter sein darf als die Figuren auf der Bühne (deshalb lacht man in der Überlegenheit des Wissenden), schleppt sich das Ganze auch bei nur zwei Spielstunden nicht mehr allzu kurzweilig über die Bretter.

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Die Regie von Lukas Holzhausen könnte spritziger, im Detail pointierter, auch schneller sein, aber die vier Darsteller schaffen es schon: Evi Kehrstephan als verlogenes Rübensüßchen, Christoph Rothenbuchner als ihr sympathisch unschuldsvoller Verlobter, der immer knapp an der wahren Erkenntnis vorbeischrammt, Michael Abendroth in der klassischen Rolle des hilflos in seinen Lügen zappelnden Ehemanns und schließlich Doris Weiner als die souveräne Ehefrau (mit schönen Momenten, wo sie durchatmen muss, um die Situation zu bewältigen), die letztlich alles durchschaut – und die Sache auf sich beruhen lässt. Was das Beste ist, was man damit tun kann.

Das Publikum allerdings gluckste glücklich und applaudierte sehr freundlich – und beides hatte es in dieser Bezirke-Saison des Volkstheaters ja schon verlernt.

Renate Wagner

 

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