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WIEN / Volkstheater, Bezirke: ES FÄHRT EIN ZUG NACH IRGENDWO

11.03.2015 | KRITIKEN, Theater

 

Zug nirgendwo 2~1
Foto: Volkstheater / Lalo Jodlbauer

WIEN / Volkstheater in den Bezirken:
ES FÄHRT EIN ZUG NACH IRGENDWO
Eine Bahnhofsrevue von Doris Happl
Premiere: 11. März 2015,
besucht wurde die Voraufführung

Man sagt es nicht gern, also sagt man es besser gleich und ungeschönt: Schon lange hat man nichts so Enttäuschendes gesehen wie diesen Abend mit dem Titel „Es fährt ein Zug nach Irgendwo“, den Dramaturgin Doris Happl nach leicht erkennbarem Vorbild (Wittenbrinks: „Stoppeln wir einen Abend nur aus Gesungenem zusammen“), aber ohne ausreichendes Können zusammen gestellt hat.

Natürlich war klar, dass es in der Außenbezirkvorstellung des Volkstheaters nur einen „Wittenbrink für Arme“ geben würde, wenn man bedenkt, wie luxuriös besetzt dessen „Liederabende der anderen Art“ im Burgtheater oder in der Josefstadt über die Bühne geschickt werden. Aber „armes Theater“ kann ja durchaus seinen Reiz haben – vorausgesetzt, es fällt einem etwas dazu ein.

Ein Bahnhof als Ort der „Handlung“ (so es eine hier gäbe) ist nicht neu, aber als Metapher stark und in jede Hinsicht auszubauen – Warten und Sehnsüchte, Wegfahren und Ankommen, das Leben als Reise. Zusammen gestellt ohne gesprochenen Text nur aus Liedern aller Art, wie gesagt, das Strickmuster ist bekannt. Hier wird es allerdings nur höchst unzureichend bedient.

Erstens ist die Auswahl der Musikstücke bescheiden, so Nachdrückliches wie „Pack die Badehose ein“ von Conny oder den „Mercedes Benz“ von Janis Joplin gibt es selten, tatsächlich nichts von wirklich hohem Potential des Wiedererkennens und nichts von jener mitreißenden Musikalität, die das Publikum mitswingen ließe. Tatsächlich läuft da eine mittelmäßig wirkende Nummer hinter der nächsten ab, und wenn man im Programmheft liest, dass die Beatles hier bemüht wurden und die Comedian Harmonists, Reinhard Mey und Gilbert Becaud, dann fragt man sich, was man da alles überhört hat – und woran es liegt.

Zweitens ergibt sich aus den Nummern nicht einmal andeutungsweise eine Geschichte. Ein (viel zu kleines) bisschen Sehnsucht nach der Ferne, bisschen Philosophie, wie das Leben einem unter den Fingern zerfließt, und sehr, sehr viel Beziehungsgequatsche – aber von den weiblichen Teenager-Sehnsüchten bis zur männlichen Ambition, die Gattin mit der Axt zu zerlegen, fügt sich nichts zusammen, was die Vorgabe der Bahnhofs-Situation auch nur halbwegs erfüllte.

Drittens hat Doris Happl als Regisseurin kaum irgendetwas „inszeniert“, sie schiebt die von Erika Navas schäbig-alltäglich gekleideten Darsteller einfach über den von Hans Kudlich ohne besondere Kennzeichen gestalteten Perron. Und was die Besetzung betrifft, so setzt sie auf fünf so klägliche Alltagsgestalten (bei denen man im echten Leben lieber wegschaut), von Harald Pröckl in Schaffner-Uniform auf der Ziehharmonika begleitet, so dass es mühsam ist, hier sonderliches Interesse aufzubringen.

Im Grunde bekommt nur Reinhold G. Moritz als armseliges Simandl ein paar Möglichkeiten, er ist auch ein sehr guter Sänger, was man ebenso von Martin Bermoser sagen kann, der aber weit weniger Entfaltungsmöglichkeiten erhält. Unter den Damen hört sich Katarina Hartmann wie jemand an, die Musical-Singen (mit dem charakteristischen „Belten“) gelernt hat, Irene Pernsteiner singt auch vermutlich mit einiger Ausbildung, und Doris Weiner, als Muttchen verkleidet, ist, wie man ja weiß, keine große Sängerin, aber wenigstens eine Schauspielerin.

Alles in allem ist es bescheiden wenig, was da geboten wird, und das Publikum war schon sehr freundlich, als es so brav klatschte. Man hat den Christian-Anders-Hit „Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“ auf „Irgendwo“ umgetauft, ist aber dennoch im theatralischen Nirgendwo gelandet.

Renate Wagner

 

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