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WIEN / Volkstheater – Bezirke: DIE FLEISCHHAUER VON WIEN

02.03.2016 | KRITIKEN, Theater

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Foto:  Volkstheater / Lupispuma

WIEN / Volkstheater – Bezirke:
DIE FLEISCHHAUER VON WIEN von Pia Hierzegger
Koproduktion mit dem Theater im Bahnhof Graz
Uraufführung
Premiere: 26. Februar 2016
besucht wurde die Vorstellung am 2. März 2016

Dass ein „Volkstheater“ das Bedürfnis hat, Volksstücke zu spielen, am Ende sogar solche, die Probleme von hier und heute behandeln, ist einzusehen. „Die Fleischhauer von Wien“ der Grazer Schauspielerin Pia Hierzegger beruhen, wie man hörte, auf vielen Gesprächen mit „echten“ Fleischhauern. Dennoch ist es, wenn man eine auch nur ein wenig tief greifende Analyse erwartet, schlechtweg Etikettenschwindel.

Denn man erfährt nur, dass es in Wien kaum noch Fleischhauer gibt (und wenn ja, sind die meisten Türken, die für ihre Leute arbeiten), dass das Gewerbe (ebenso wie Bäcker u.a.) am Aussterben ist – und damit es ein bisschen griffig und grauslich wird, muss man sich einmal schildern lassen, wie Schweine geschlachtet werden (was wir angesichts unserer Schnitzel gern vergessen).

Aber die Geschichte der Witwe Erni, die mit dem Gatten auch die Berechtigung verloren hat, ihren Laden zu führen (keine Meisterprüfung, auch wenn sie alles genau so gut konnte wie er), ist bestenfalls eine kleine Milieustudie, vielfach grotesk überzeichnet, mit jeder Menge dummer und auch geschmackloser Drehungen und Wendungen der Handlung.

Man erlebt also Erni, die offenbar ihr Leben lang im Geschäft gestanden ist (wenn sie nichts zu tun hat, verfault sie innerlich, sagt sie – aber immerhin hätte sie davon geträumt, in den Anden zu wandern, was sie sich nie gegönnt hat); man erlebt ihren dauernd klagenden und nörgelnden Sohn Markus, der aus Rache für die Vernachlässigung in ein veganes Mauseloch gekrochen ist und sich taten- und antriebslos von Mama erhalten lässt; und man erlebt Burkhard und seine Gattin Daniela, die herbei zitiert wurden, um als ferne Verwandte das Geschäft weiterzuführen (wieso Burkhard, einst Anwalt, Fleischhauer geworden ist, wird nicht klar – wir hören nur dauernd vor seinem Burn Out).

Was sich dann begibt, liegt auf der Hand – man will modernisieren, Daniela optisch (warum sie so beharrlich auf eine Kaffeemaschine im Fleischhauerladen besteht, verstehe jemand), der Gatte von den Produkten her – „roh“ soll sein Motto sein (als ob Fleischhauer nicht immer rohes Fleisch verkauften?), und Erni möge sich trollen. Die übliche Geschichte von der Verdrängung der Alten…

Die Volksstücksubstanz wird auf tiefer Ebene „verlöwingert“, mit Mordversuch von Erni an Daniela (die sie in den Tiefkühlschrank schiebt), mit einer scheußlichen Szene, wo der besoffene Burkhard eine jahrzehntealte verrottete Wurst isst (dass über dergleichen gelacht werden soll?), schließlich mit plötzlichem Abpaschen von Daniela, mit Markus im Schlepptau – was Erni ermöglicht, wieder die Zügel zu ergreifen, denn Burkhard ist der Waschlappen der Saison. Damit soll das Publikum zufrieden nach Hause gehen.

Regisseur Lorenz Kabas bemüht sich erfolgreich, das Geschehen in der Volkstheater / Bezirke-Aufführung nicht allzu zu verschwanken, Doris Weiner bekommt wenigstens die Umrisse eines Schicksals hin, Dominik Warta liefert die ganz amüsante Parodie eines Aussteigers, Rupert Lehofer sprüht Dummheit, Martina Zinner letztendlich auch. Freundlicher Applaus. Das Wiener Publikum ist geduldig.

Renate Wagner

 

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