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WIEN / Volkstheater-Bezirke: DAS WECHSELBÄLGCHEN

10.12.2015 | KRITIKEN, Theater

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c_Lupi_Spuma

WIEN / Volkstheater-Bezirke:
DAS WECHSELBÄLGCHEN von Christine Lavant
Bühnenfassung von Maja Haderlap
Premiere: 4. Dezember 2015,
besucht wurde die Vorstellung am 9. Dezember 2015  

So harte Kost hat man dem „Bezirke“-Publikum des Volkstheaters wohl selten bis nie verordnet: Eine Dramatisierung der posthum entdeckten Erzählung „Das Wechsebälgchen“ von Christine Lavant (1915–1973), für die Bühne eingerichtet von ihrer Kärntner Kollegin Maja Haderlap. Der Menschheit ganzer Jammer packt einen an, wenn man eine klassisch-harte Dorfgeschichte präsentiert bekommt, von der Magd (mit einem Glasauge) und ihrem unehelichen, leicht behinderten Kind, und wie sich diese Frau unter die Tyrannei der Umwelt im allgemeinen und eines brutalen Mannes im besonderen beugen muss, um ihr Überleben zu sichern…

Geschichten wie diese bewegen sich emotional und literarisch immer an der Kippe. Man wird sich schlecht fühlen, wenn man ihnen das Mitgefühl versagt, das sie verdienen, wird aber das Unbehagen nicht los, dieses werde mit dem Holzhammer eingefordert. Da, wo die Literatur aus den wahren Tragödien des Lebens dann den Sozialkitsch macht…

Die Aufführung, die „Puppenspieler“ Nikolaus Habjan dem Werk angedeihen lässt, balanciert ebenso auf dem schmalen Grat: Jakob Brossmann stellt drei Glaskästen auf die Bühne, wie im Museum, ein Verfremdungseffekt, der ja noch durch die Klappmaulpuppen verstärkt wird, ohne die es bei Habjan nicht geht, und durch die Tatsache, dass drei der vier Darsteller in immer andere Rollen schlüpfen. Und dann wird einigermaßen klar und dick aufgetragen.

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Nur Hauptdarstellerin Seyneb Saleh (mit dem charakteristischen Kopftuch, das die Lavant so oft auf Fotos trägt) muss nur sie selbst sein, die einäugige Magd Wrga – und ihre Kinder, vor allem das Wechselbälgchen, das ihr so erbarmungswürdig im Arm hängt oder so tragisch-traurig herum geschoben wird. Ein Frauenschicksal, wie es vermutlich viele gab (hoffentlich in dieser Aussichtslosigkeit nicht mehr gibt), in Loyalität zu dem Kind, das keiner außer ihr will, unter dem Druck des Pfarrers, als sie wieder schwanger ist, das Opfer eines brutalen Liebhabers / Gatten schließlich, der sie quält, zusätzlich permanent unter Krankheit und Schmerzen leidend (wo die eigene Lavant-Biographie hineinspielt). Dank an die Darstellerin, dass nicht auch sie noch am Ende mit billigen Mitteln um Mitleid einkommt, die Geschichte tut weh genug.

Es sind die bewährten Habjan-Interpreten Gábor Biedermann und Florian Köhler, verstärkt um die Claudia Sabitzer des „früheren“ Volkstheaters, die hier die Härte der Dorfbewohner und ihren Aberglauben darstellen, im Grunde nichts für schwache Nerven, und nicht alle Zuschauer sah man nach der Pause wieder auf ihren Plätzen. Die anderen waren hart im Nehmen, zeigten sich beeindruckt und klatschten nachdrücklich.

Renate Wagner

 

 

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