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WIEN / Volkstheater: ACH, SISI

13.01.2022 | KRITIKEN, Theater

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Foto: Volkstheater / Macel Urlaub

WIEN / Volkstheater: 
ACH, SISI – NEUNUNDNEUNZIG SZENEN
EINE STAATSAKTION, EIN NICHTS, EIN VOLKSTHEATER
von Rainald Grebe und Ensemble
Uraufführung
Premiere: 12. Jänner 2022 

Kay Voges ist der erfolgloseste Direktor des Wiener Volkstheaters aller Zeiten, und das will nach dem Niedergang, den seine Vorgängerin Anna Badora dem Haus beschert hat, etwas heißen. Auf dem Mediengaul reitet der Direktor, der die Ideologie dessen, was man in Dortmund unter modernem Theater verstand, nach Wien gebracht hat und dem Publikum aufzwingen will, um einiges geschickter. Er schlägt aus seinem evidenten Versagen jede Menge medialer Reaktionen mit Fernseh-Interviews und Zeitungsartikeln. Daraus geht dann immer hervor, dass die verständnislosen Wiener Kritiker an allem schuld sind und dass die paar Leutchen, die sich zu ihm verirren, ja ohnedies begeistert seien. Allerdings kann er mit dieser Minderheit sein an sich sehr großes Haus vermutlich für jeweils gerade eine Vorstellung füllen…

Es wirkt wie ein Verzweiflungsakt, einen Abend anzusetzen, der sich „Ach, Sisi“ nennt, aber es war vorauszusehen, dass es funktionieren würde. Nein, das ist keine Anpassung an das Wiener Publikum, im Gegenteil – die arme Kaiserin, die wohl so arm nicht war, erntet vor allem Spott und Hohn. Geboten wird eine Revue mit Kabarett-Sketch-Szenen, viel Gesang, viel Geblödel, unendlich viel Unnötigem – und gelegentlich (man hat sich ja, wie versichert wird, mit ein paar Fachleuten unterhalten) ein paar Szenen, die zu Erkenntnissen vorstoßen. Aber sie hängen gewissermaßen in der Luft, und wer kein Kenner von Kaiserin Elisabeths Leben ist, überhört sie leicht im allgemeinen Geplappere…

Die erste Definition, die das Volkstheater für Rainald Grebe, der diesen Abend verantwortet, angibt, ist „Comedian“. Offenbar haben ihn Fernsehsendungen wie !Quatsch Comedy Club“ geprägt. Unernst ist die Voraussetzung, sich dramaturgisch „Sisi“ zu nähern. Jux und Tollerei der banalen Sorte, die in diesem Haus übrigens immer gleich aussieht (selbst Joachim Meese hat mit seiner „Kampf Lolita“ nichts anderes geboten), kennzeichnen die Regie. Und zweieinhalb Stunden können sich auf diese Art ganz schön ziehen…

Den Rahmen für diese Sisi- und ihr Publikum-Demontage bietet eine „lange Sisi Nacht“ in einem Privatradio, moderiert von Anna Rieser aus einer Loge. Sie darf übrigens als Einzige ganz am Ende scheinbar die „echte“ Sisi sein, tatsächlich offenbar in dieser Szene aber nur eine Musical-Darstellerin, die zum Schlußapplaus gerufen wird… Vor dem Radio-Mikro wird jede Menge Unsinn verzapft (wie es in der Privatradio-Welt eben so ist), es gibt nur eine Szene mit etwas Substanz: Wenn sie Sisis Schwiegermutter, Erzherzogin Sophie (Anke Zillich) zum Gespräch bittet, und diese ihren Standpunkt klar macht, was es bedeutet hat, in einer Herrscherfamilie zu leben. Da war an sich kein Platz für egoistische Sperenzchen vorgesehen – Elisabeth hat sich ihre Freiheit genommen und ist dafür berühmt geworden…

Wie bringt man 99 Kurzszenen zu Elisabeth zusammen? Die Kaiserin hat selbst einen gerüttelten Anteil daran geliefert, nämlich mit ihrer berüchtigt schlechten Lyrik (von der sie glaubte, Heinrich Heine habe sie inspiriert…): Jens-Karsten Stoll hat sie vertont und stellt mit den Kollegen Simon Frick und Christopher Haritzer die Band, die der wohl beste Teil des Abends ist. Das Gesinge überzeugt weniger, zumal man die banalen  Texte ohnedies nicht versteht…

Man picke die eine oder andere lohnende Rosine aus dem Abend, der sich andererseits die Geschmacklosigkeit leistet, die Ermordung Elisabeths schlicht und einfach als Parodie darzubieten. Aber wenn eine Tourismusführerin (Tilla Kratochwil) unermüdlich die Sisi-Souvenirs anpreist, inklusive der nicht unerheblichen Summen, die sie teilweise kosten, ist man in der Verwertung der Person, die für den Wiener Fremdenverkehr so wichtig ist. Wenn, als Verhöhnung von Elisabeths Ungarn-Vorliebe, in einer Kabarett-Szene das Publikum (soweit es bereit ist, mitzumachen) eine Ungarisch-Stunde erhält, ist das auf brachiale Art witzig. Auch wenn akustisch die Begegnung von Sisi und Franz Joseph aus dem Film mit Romy Schneider abgespielt wird, die ganze Verlogenheit trieft und Susanna Peterka mit großen Augen erzählt, dass damals, in den fünfziger Jahren, jede Frau sich einen Mann so lieb und rein wie Karlheinz Böhm gewünscht hat… dann trifft man schon ins Schwarze. Auch mit der lautstarken Anklage, dass eine Frau wie Elisabeth, deren Verschwendungssucht ausgebreitet wird, ihrer legendär schlanken Figur wegen absichtlich kaum etwas gegessen hat, während ihr Mörder Luigi Luccheni die meiste Zeit seines Lebens so arm war, dass er hungern musste…

Aber man käme gar nicht dazu, über dergleichen nachzudenken, denn schon spült der nächste Blödsinn alles hinweg (und Andreas Beck hat in Franz Joseph-Uniform mit seiner Reflexion über die Wiener Bezirke – was soll das hier? – eine besonders schwache Szene). Dass Adolf Hitler und Sebastian Kurz noch mit Wortspenden vorkommen, ist wohl der Tatsache geschuldet, dass sich die AK die Finanzierung dieses Voges-Theaters leistet… Auf den Erzherzog-Johann-Jodler (schauerlich gekrächzt) hätte man in diesem Zusammenhang auch verzichten können – aber man wollte das Gebotene offenbar strecken. Es war dann um einiges länger als die angekündigten zwei Stunden und kratzte an der Sperrstunde… Uwe Schmieder, Christoph Schüchner und Balázs Várnai machten aufopfernd auch noch mit, damit der Abend „auf dramatisch hin wird“, wie es bei Johann Nestroy so treffend heißt…

Wie definiert sich diese Produktion selbst? Staatsaktion, Volkstheater oder „ein Nichts“? Bleiben wir bei dem Nichts. Schade darum übrigens.

Renate Wagner

 

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