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WIEN/ Volksoper/ Staatsballett: BLAUBARTS GEHEIMNIS – Premiere

15.12.2012 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

15. Dezember, Wiener Staatsballett in der Volksoper „BLAUBARTS GEHEIMNIS“ – Erotisches Fluidum und Chiffren mit magischen Momenten


Maria Alati, Mihail Sosnovschi. Foto: Barbara Zeininger

Mit einiger Vorsichtig gesagt: Es ist wohl nicht so wirklich nötig, sich über die Geheimnisse dieses artistisch über die Bühne springenden Blaubarts allzu viel den Kopf zu zerbrechen. Getanzt wird in dieser Manier, welche heute in der europäischen Tanzszene von den Choreographen als aktuell angesehen und meist in rasantem Tempo und mit virtuosen Bewegungsabläufen angeboten wird: Spektakulär demonstrierte elegante oder skurrile Körperpositionen; immer wieder extrem in die Höhe geschleuderte Beine; überspannte Emotionen und ein übertriebenes Herumrudern mit den Händen; chaotisches Laufen, an die Wände prallen, sich am Boden wälzen und manch andere gymnastische Kunstfertigkeiten. Alles kein Geheimnis, sondern es ist ein extrem forderndes Bewegungsvokabular für die Tänzer. Verrücktes Zeug, mag sich so mancher nicht eingeweihte Besucher denken, der hier hereingeschneit kommt. Ohne sich genieren zu müssen. Aber dann doch, wie in dieser Produktion, welche als Importartikel vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden vom Wiener Staatsballett übernommen wurde, können sich faszinierende Momente einstellen. Mit einer gewissen Magie, welche in eine andere, in eine vergeistigte Welt zu führen vermag.

Stephan Thoss, Jahrgang 1965, Ballettchef in Wiesbaden und zur Zeit als einer der führenden deutschen Choreografen angesehen, hat mit dieser Kreation für sein Ensemble 2011 einen interessanten und schlussendlich auch durchaus eindrucksvollen Tanzabend gestaltet. In zwei Teile gegliedert. „Präludien“ zum Einstieg, getanzt zu ausgewählten Kompositionen von Henryk Górecki (1933 – 2010): Blaubart, andere Männer, die Frauen rund um sie im hektischen Treiben und nach Beziehungen Ausschau haltend. „Blaubarts Geheimnis“ nach der Pause, jetzt in einem Sog hineingezogen von den sich stereotyp weiterspinnenden Rhythmen und meist süßlich angezuckerten Dreiklang-Harmonien aus verschiedenen Orchesterwerken von Philip Glass (geboren 1937, Baltimore). Wirkungsvoll setzt Stephan Thoss diese sich repetierende musikalische Mixtur ein, wirkungsvolle Tableaus gelingen ihn immer wieder. Das Spiel hat sich nun verinnerlicht. Blaubart (ein Typ von heute; ein Suchender, kein Frauenmörder) und seine noch unerfahrene Braut Judith tasten sich ab, zeigen ihre Befindlichkeiten. Im Wechsel der Räume, welche zu Blaubarts früheren sexuellen Beziehungen führen, ergeben sich immer wieder neue und feinfühlig angedeutete Chiffren. Und dann, wenn sich Sensibilität, erotisches Fluidum und die intensiv aufgetragenen Klangfarben perfekt ergänzen, stellt sich magische Wirkung ein.

Einmal mehr präsentierten sich die Tänzer des Wiener Staatsballetts am Premierenabend als eine exzellente Kompanie. Im Mittelpunkt: Kirill Kourlaev in der Titelrolle, Alice Firenze (Judith), Dagmar Kronberger und Andrey Kaydanovskiy als Blaubarts Mutter und dessen Alter Ego. Bühnenbild und Kostüme hat der Choreograph entworfen. Und dem Dirigenten Wolfgang Ott ist es gelungen, dem Orchester wie dem Publikum der Volksoper das fluoreszierende Klanggewoge von Górecki und Glass nahe zu bringen.

Schließlich hofft noch Volksoperndirektor Robert Meyer, dass nach der zuletzt so erfolgreichen getanzten Version von Carl Orffs „Carmina burana“ nun auch diese weit sprödere Kunsttanz-Kreation wieder viele Besucher in sein Haus locken wird.

Meinhard Rüdenauer

 

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