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WIEN/ Volksoper: INTO THE WOODS von Stephen Sondheim. in Grimms Märchenwald riecht es nach Broadway

Premiere in der Wiener Volkoper: „INTO THE WOODS“(27.5.2021) – in Grimms Märchenwald riecht es nach Broadway

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Foto: Youtube

Die alten deutschen Märchenfiguren der Brüder Grimm purzeln hier nur so herum! Rapunzel (Lauren Urquhart) und Schneewittchen mit ihrem grellgelben Endloszopf (Vanessa Zips), der dumme Hans im Glück mit seiner Kuh (Oliver Liebl), das arme Aschenputtel (Laura Freidrich Tejero), das kleine Rotkäppchen (Juliette Khalil). Und auch ein Dornröschen müsste laut Programmzettel im Auf und Ab und Auf und Ab (und wieder und nochmals so) auf der bunten Bühne gestanden sein. Vielleicht übersehen? Der grimmige Wolf (Drew Sarich), durchaus ein einigermaßen charmantes quirliges Ungeheuer, platzt da anfangs gern immer wieder hinein. Verwandelt sich aber auch in Aschenputtels feschen Prinzen. Und wenn so viele kleine Märchenmädels herumspringen, so darf gleich noch ein zweiter Prinz (Martin Enenkel) diese muntere Musical-Society verstärken.

Der New Yorker Stephen Sondheim, heute ein gestandener 91jähriger, gilt als der eher Intellektuelle unter den erfolgreichen Broadway-Komponisten und Liedtextern. Seine Meisterwerke: das Musical „A Little Night Music“ mit dem wunderbaren „Send in the Clowns“ sowie die Lyrics für Bernsteins „West Side Story“. Hier nun, auf den Spuren der Brüder Grimm, im 1987 uraufgeführten Vexierspiel „Into the Woods“ untermalt er das zumeist spritzige Geschehen mit dezentem, ziemlich gleichbleibenden lyrischen Kammermusik-Sound. Natürlich rhythmisch akzentuiert. Klingt nett, hinterlässt keine tieferen Psycho-Spuren. So auch die ganze Handlung des überlangen Abends, die wohl zu unübersichtlich, zu verworren nicht nur das Rotkäppchen sondern auch den Zuseher in den Dichtungen des Waldes herum tappen lässt.

Sehr originell ist sie jedoch, diese Idee zu solch einem Figuren-Mix. Der kinderlose Bäcker (Peter Lesiak) und seine Frau (Julia Koci) wünschen sich endlich ein Baby, und ein solches verspricht ihnen die hysterisch aufbrausende Hexe (Bettina Mönch). Dann nur, wenn die beiden ihr vier Gegenstände bringen – den vier Märchenfiguren entsprechend: einen goldenen Schuh, ein rotes Mäntelchen, eine weiße Kuh und maisgelbe Haare. Somit hinaus, unter dem nächtlichen Himmel hinein in den dunklen Märchenwald ….. und bitte auf die skurrilsten Begegnungen gefasst sein! Die Original-Broadway-Inszenierung von James Lapine (auch der Librettist des Stückes) war der Volksoper vorgegeben, ist von Regisseur Olivier Tambosi und Choreograph Simon Eichenberger spritzig nachgestaltet worden, und die frech & bunt kostümierte sehr spielfreudige Volksopern-Schar hat sich bei solch einem gestischen Überdrüber dabei auch wohl gefühlt. Die Action hat bestens gepasst, und Wolfram-Maria Märtig, kurzfristig als Dirigent eingesprungen, hat den Interpreten der meist nur sich nur kurz ergießenden Songs über die Klippen geholfen. 

Noch im Getümmel auf der Bühne, wer darf nicht übersehen werden? Etwa Regula Rosin als Rotkäppchens unfreundliches Großmütterchen und Martina Dorak als ebenfalls nicht liebenswerte Stiefmutter von Aschenputtel. Und der Chef im Haus, der ist auch hier präsent. Robert Meyer führt als Erzähler kurz in die Welt der Brüder Grimm ein, und er lässt sich auch später mehrmals in der Verkleidung eines ‚Geheimnisvollen Mannes‘ nicht abschütteln. Sogar Erika Pluhar ist mit dabei. Zu hören jedenfalls. Höchst gefährlich: als laut bedrohliche Stimme der Riesin. Aus dem Out, wohl nur vom Band, gekoppelt mit dem urgewaltigen Stampfen ihrer festen Schritte. Da kommt auch Spannung auf. Aber Vorsicht! Es ist satirisches Märchengeplauder für Erwachsene, eher für Feinschmecker, nichts für Kinder! Zu lang, ein bisserl Freud-Seelenkunde (nicht gerade allzu echte), musikalisch sauber, doch nicht erregend. Nach Freundschaft wird im Finale der kunterbunten Show mit ihren ständigen Überraschungsmomenten und Verwirrungen gesucht … dies nun ohne der beiseite geschobenen Ironie. 

Meinhard Rüdenauer

 

 

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