Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Volksoper: FOLLIES von Stephen Sondheim

25.04.2026: FOLLIES (Volksoper Wien)

Volksoper „at her best“ ereignet sich, wenn sich das Haus am Gürtel, abseits von fragwürdigen, Publikum und Werk gegenüber übergriffigen Anschlägen auf das Repertoire der klassischen Operette einer seiner Kernkompetenzen besinnt und anhand eines Werks des inzwischen fast schon legendären Stephen Sondheim – den Follies aus dem Jahr 1971 – unter Beweis stellt, dass es sich in dieser Sparte konkurrenzlos als erste Bühne des Landes betrachten darf.

Dabei ist das Werk an sich (Buch von James Goldman) von überschaubarer Originalität – zwei Paare Anfang der 50er, ehemals Revuegirls und ihre Verehrer, treffen anlässlich der Abriss-Gala an ihrem seinerzeitigen Theater nach dreißig Jahren noch einmal aufeinander – alte unerfüllte Liebesgeschichten brechen wieder auf, Turbulenzen, Trennung und schließlich (pragmatische) Versöhnung: nichts, was man nicht so oder anders schon anderswo gesehen hat, stilistisch irgendwo in der Nähe von Woody Allen angesiedelt, bloß mit deutlich weniger Humor. Und die Verlegung des Geschehens in die Gegenwart (oder eigentlich in die Zukunft, denn man schaut von einem Zeitpunkt in dreißig Jahren auf 2026 zurück) der Volksoper ermöglicht zwar ein paar bemühte Anspielungen, provoziert aber auch die üblichen Ungereimtheiten bei solchen Unterfangen und nimmt dem Stück etwas von dem Flair, das es am Originalschauplatz irgendwo in den USA kurz vor dem 2. Weltkrieg und eben dreißig Jahre danach wohl besäße.

Doch so engagierte und hoch musikalische Künstler wie Ruth Brauer-Kvam und Peter Lesiak (Sally und Buddy) – sekundiert von Juliette Khalil und Samuel Türksoy als deren Alter Egos in jungen Jahren – einerseits und Bettina Mönch und Drew Sarich bzw. Teresa Jentsch und Oliver Liebl (Phyllis und Ben) nutzen das konventionelle Spiel aus amourösen Turbulenzen und komplizierten Midlife Narrativen, um die ganze Bandbreite ihrer darstellerischen, tänzerischen und sängerischen Professionalität aus-, die eine oder andere Länge nach der Pause zu überspielen, um schließlich nach dem traumhaft-albtraumhaften Durchmessen ihrer „Follies“ mit den Verläufen ihrer Lebensgeschichten versöhnt in ihr jeweiligen Zuhause zurückzukehren.

Ja, und da ist dann noch die zweite Ebene der Handlung, mit der ersten dramaturgisch kaum verwoben, die Ebene der seinerzeitigen Stars, die auf derselben Abschluss-Gala des Theaters, bevor es der Abrissbirne zum Opfer fallen und in ein Parkhaus umgewandelt werden wird, noch einmal ins Rampenlicht treten, ebenfalls geschickt sekundiert (und teilweise substituiert) von Figuren, die sie selbst vor dreißig Jahren repräsentieren, um zu demonstrieren, was sie „noch“ draufhaben. Und auf dieser Ebene, auf der einige süffige Nummern im Sondheim’schen Stil revueartig aneinandergereiht werden, geht an dem Abend die eigentliche sprichwörtliche „Post“ ab. Wenn die Rechnung aufgeht, und das tut sie im Übermaß: bei Carlotta, der alternden Diva (berührend und bis ins kleinste Detail präsent Sona MacDonald), Hattie (leicht punkig Julia Koci, die singend ein Rad nach dem anderen schlägt), Solange (Ann Mandrella als inzwischen als Kosmetikerin tätiger Paradiesvogel), Heidi (mit klassischer Attitude stilsicher Volksopern-Legende Ulrike Steinsky, einfühlsam im Duett mit Harriet Jones-Zetterholm, der Verkörperung ihrer selbst in Jugendgestalt) und Stella, die – dargestellt, getanzt und gesungen von der umwerfenden Stefanie Dietrich – mit der Spiegel-Szene das Haus in schiere Raserei versetzt.

Neben solcher geballter Frauen-Power gefiel James Park als singender Conferencier mit lyrischem Tenor, während man sich von dem überaus eleganten David Wurawa, der den einstigen Intendanten des Theaters gab, etwas mehr Wortverständlichkeit gewünscht hätte.

Dass das, was sich in der intelligenten, sehr flexiblen und doch reichhaltigen Kulisse von Sarah-Katharina Karl abspielte, zur veritablen Show werden konnte, dafür war die energiegeladene musikalische Leitung von Lorenz C. Aichner verantwortlich, der dem Orchester der Volksoper alles an Schwung und Emotion entlockte, die in ihm steckt. Ach würde man nur die klassische Operette nicht auch so behandeln? ….

Valentino Hribernig-Körber

 

Diese Seite drucken