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WIEN / Volksoper: EIN DEUTSCHES REQUIEM

30.09.2021 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

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Fotos: Wiener Staatsballett / Ashely Taylor

WIEN / Volksoper: 
EIN DEUTSCHES REQUIEM
Musik von Johannes Brahms
Ballett von Martin Schläpfer
Premiere: 30. September 2021 

Jeder Musikfreund hat schon einmal den bösen Scherz gehört (er wird mehreren seiner Zeitgenossen zugeschrieben): Wenn Brahms besonders gut gelaunt ist, dann komponiert er „Das Grab ist meine Freude“. Und wenn man genau hinhört und nicht nur in elegischer Musikschönheit schwelgen will, dann ist sein „Deutsches Requiem“ ein todtrauriges Werk. Das hat Martin Schläpfer voll empfunden, als er seine choreographische Umsetzung dafür fand.

Es ist bereits zehn Jahre her, dass der derzeitige Direktor des Wiener Staatsballetts „ein deutsches requiem“ (klein geschrieben) in Tanz goß, eine seiner erfolgreichsten und gepriesensten Produktionen, die viel gastiert hat. Nun sieht man das Werk in Wien, in der Grundstruktur gleich, aber eben mit den Tänzern des Staatsballetts neu erarbeitet, in der Volksoper auf die Bühne gebracht. Den Chor musste man dafür seitlich aufstellen und auch noch in drei Logen im Parterre und im ersten Rang unterbringen, die Sänger traten für ihre Soli inmitten der Choristen auf.

Es war, um es vorweg zu nehmen, auch eine eindrucksvolle musikalische Wiedergabe mit Christoph Altstaedt am Pult, dem differenziert agierenden Chor (mit geringen Schwankungen hier und dort), den Solisten (Athanasia Zöhrer, Alexandre Beuchat), die in ihren kurzen Passagen zwar nicht wirklich machtvoll, aber durchaus klangschön agierten. Schläpfer hat diese bedeutende, „schwere“ Musik bewusst gewählt, auch für Wien, um der Idee eines Gesamtkunstwerks für das Haus nahe zu kommen, wie er in einem seiner Interviews sagte.

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Die Tänzer sind barfuss, den ganzen Abend lang, und das ist schon ein Stilmittel erster Ordnung. Der Bewegungskanon wirkt nicht eine Sekunde religiös, aber immer existenziell – der Mensch zwischen himmelwärts und  geduckt, und immer wieder in einander verschlungen. Gekrümmte Körper, angezogene Beine – dieses Bild der Hilflosigkeit ist prägend präsent, der Mensch, gebeugt unter dem Schicksal. Schläpfer sprach von seiner „kantigsten Bewegungssprache“, und tatsächlich ist es kaum Ballett, sehr Tanz und manchmal regelrecht Performance – Ausdruck um seiner selbst willen.

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Nur, wenn der Sopran im fünften Satz von seiner Traurigkeit singt, kommt eine der Primaballerinen (Claudine Schoch) mit einem (wohlgemerkt: einem!) Ballettschuh, tanzt auf der Spitze (einmal bohrt sie den Schuh auch in den nackten Fuß des Partners) – auch dieses Details von Schläpfers Brahms-Realisierung ist berühmt geworden.

Im übrigen ist es ein Ensemblestück, die Männer ganz in Schwarz, die Frauen in Kostümen, die teils fleischfarben, teils schwarz sind und oft den Eindruck erwecken, sie seien nackt (Kostüme  Catherine Voeffray). Die Bühne von Florian Etti hat matte Spiegel im Hintergrund, spielt sonst nicht weiter mit. Die Tänzer werden als Kollektiv bis zu den kunstvollsten, schwierigsten Bewegungsabläufen getrieben, nur wenige (Ketevan Papava / Marcos Menha und Claudine Schoch / Davide Dato) treten solistisch hervor, ohne dass sie als Protagonisten eine „Geschichte“ erzählten.

Es ist ein abstraktes Werk, das die Stimmung der Musik in Bewegung umsetzt. Das Publikum zeigte sich tief beeindruckt.

Renate Wagner

 

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