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WIEN / Volksoper: DIE SCHNEEKÖNIGIN

09.12.2015 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

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Fotos: Volksoper

WIEN / Volksoper:
DIE SCHNEEKÖNIGIN
Ballett von Michael Corder
Premiere: 8. Dezember 2015

Vielleicht ist das prachtvolle Foto von Olga Esina (am Plakat, am Programm, auf der Volksopern-Zeitung, in der Werbung) daran schuld, dass man sich von der „Schneekönigin“ ein bisschen mehr erwartet hat – mehr Glanz und Glitzer, mehr Märchenzauber, weniger Nachahmung von dem, das es schon vielfach und auch besser gibt. Denn wenn man hören würde, dieses Ballett „Die Schneekönigin“, das nun vom Wiener Staatsballett auf die Bühne der Volksoper gebracht wurde, sei eine russische Uralt-Choreographie aus dem 19. Jahrhundert, würde man es auch glauben, nur bei sich feststellen, dass es sich nicht eben um eines der abwechslungsreichsten und inspiriertesten Ballette handelt…

Aber es ist neu: Der Brite Michael Corder, Jahrgang 1955, in seiner Heimat populär und viel beschäftigt, hat das Andersen-Märchen in szenischer Vereinfachung 2007 für das English National Ballet geschaffen und seither mancherort gezeigt – so wie jetzt in Wien. Wo man erwarten konnte, dass die Volksoper damit den großen Kinderhit für Weihnachten landet. Der Beifall war auch groß. Aber das Gebotene doch so spannend nicht.

Gezeigt wird die Geschichte der Kinder Kay und Gerda, der Waisenjunge und seine Freundin, zuerst in der üblichen dörflichen Idylle. Die böse Schneekönigin wirft ihre Netze nach ihm aus, ein Stück Spiegel trifft ihn ins Herz, er gerät in ihre kalte Welt. Das ist quasi der „weiße“ Akt mit vielen (allerdings blassen) „höfischen“ Szenen und einem großen Solo für die Titelheldin. Wenn Gerda Kay sucht, gerät sie erst unter die Zigeuner, was bunt und pittoresk sein soll, aber eher einförmig wirkt, während ihr Pas de Deux mit einem liebenswerten Elch ein bisschen Humor bringt – davon hätte man in einem Werk für Kinder gerne mehr gesehen. Die Rettung von Kay erfolgt dann abrupt schnell, zurück in die Dorfidylle, diesmal mit Hochzeit…

Und trotz der bewährten Mischung von Folkloristischem und großem „weißen“ Ballett wird man den Eindruck nicht los, man sähe immer wieder dasselbe. Michael Corder betet brav die Klassiker nach (und kann damit nicht schief liegen), lässt aber die eigene Inspiration vermissen – die Vergleiche mit Ashton, Cranko oder MacMillan, die nahe gelegt werden, möchte man da nicht verfolgen, ein echter Neuschöpfer des Klassischen ist Corder in diesem Werk nicht. Und die Ausstattung von Mark Bailey wirkt auch eher bescheiden und setzt nicht gerade auf szenische Überwältigung.

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Für das Staatsballett hat das Werk allerdings Klassiker-Charakter, können doch fünf Hauptrollen immer wieder neu besetzt werden und die Ensemblemitglieder beglücken. Bei der Premiere war Olga Esina mit ihrer Schönheit und Eleganz eine Schneekönigin wie aus dem Bilderbuch, wenigstens mit einem Hauch Kälte und Gefährlichkeit, die sie interessant machten.

Wenn Davide Dato, der wirklich pudeljung wirkt, den „Knaben“ Kay tanzt, sollte man ihm vielleicht nicht Alice Firenze als Gerda zur Seite stellen, denn sie ist alles andere als ein junges Mädchen, weit eher die viel ältere Schwester. Sie wird bei einem „reiferen“ Kay besser aufgehoben sein.

Ketevan Papava, die schon manche Zigeunerin getanzt hat, tut das mit großer Ausstrahlung, während Mihail Sosnovschi als Zigeuner vergleichsweise im Hintergrund bleibt. Mit wahrer Anmut „schritt“ Géraud Wielick als Rentier einher, auch andere Tiere evozierten wenigstens ein Lächeln. Dennoch war der Eindruck nicht zu vertreiben, dass der Abend lang, sehr lang sei (obwohl er, mit zwei großen Pausen, nur etwas über zweieinhalb Stunden dauerte)…

Musikalisch hat Michael Corder für sein Werk Sergej Prokofjews Ballett-Partitur „Die steinerne Blume“ von Julian Philips bearbeiten und mit Ausschnitten aus anderen Werken ergänzen lassen. Dirigent Martin Yates breitete den musikalischen Teppich unter diesen Ballettabend, der nicht zum erhofften großen Wurf geriet.

Renate Wagner

 

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