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WIEN/ Volksoper: DIE HOCHZEIT DES FIGARO – Premiere

26.11.2012 | KRITIKEN, Oper

WIEN/ VOLKSOPER: DIE HOCHZEIT DES FIGARO, Première am 25. November 2012 (Georg Freund)

 
Yasushi Hirano als „Figaro“. Foto: Barbara Zeininger

Mit Vergnügen kann ich von einem vollständigen, durch keinerlei Missfallenskundgebungen getrübten Erfolg der neuen Produktion von Mozarts Figaro an der Volksoper berichten: Großen Anteil an diesem Erfolg kommt dem Regisseur Marco Arturo Marelli zu, der bei seiner Inszenierung vom Konzept Mozarts und da Pontes für das Werk ausging und dieses Konzept nicht durch krause Einfälle ersetzt hat.

Das ingeniöse Bühnenbild besteht aus verschiebbaren Paneelen, die verschiedenste Raumgestaltungen zulassen. Auf diesen Paneelen sind Ausschnitte aus Barockgemälden abgebildet sind, die den Sturz der Giganten zeigen- ein geistreicher Hinweis auf den großen Umsturz, dessen Vorbote Beaumarchais´ Komödie „La folle journée“war, auf der das Libretto fußt. Tatsächlich spricht die Literaturgeschichte von diesem Werk als „la révolution déjà en marche“.

Ausgezeichnete Personenführung ist Marelli zu bescheinigen: Alle Charaktere sind klar herausgearbeitet und in sinnvolle Interaktion gesetzt. Marelli beherrscht das Regiehandwerk eben tadellos: Er versteht es, anders als viele seiner „ fortschrittlicheren“ Kollegen, den Chor sinnvoll zu bewegen und muss nicht vor einer Tanzszene kapitulieren. Besonderes Lob verdienen auch die hocheleganten, sehr kleidsamen historischen Kostüme von Dagmar Niefind und die stimmungsvolle Beleuchtung.

Die musikalische Realisierung stand der szenischen nicht nach: Der sehr junge Dirigent Dirk Kaftan hatte für eine präzise Einstudierung gesorgt und ließ durch zügige Tempi niemals ein Nachlassen der dramatischen Spannung aufkommen. Die außerordentlich anspruchsvollen Ensembles wurden souverän bewältigt und auch den melancholischen, gefühlvollen Partien des Werkes wurde Kaftan vollständig gerecht. Ein tadelloses Sängerensemble ohne einen einzigen Schwachpunkt stand ihm zu Gebote: Die erste Stelle nahm dabei das gräfliche Paar ein: Konstantin Wolff, den ich aus dem Theater an der Wien bisher nur in tragischen Rollen erlebt hatte, erwies sich als Vollblutkomödiant mit bühnenbeherrschender Ausstrahlung. Sein Bassbariton ist kernig, viril timbriert und weist auch eine Spur von Rauheit auf, die zum etwas brutalen Charakter des Grafen wunderbar passt. Er sang sehr stilsicher, immer stark am Text orientiert und bewältigte die zahlreichen Stürze, die den ständigen Misserfolg des Grafen bei allen seinen Unternehmungen trefflich charakterisierten, dank seiner Ausbildung als Kunstturner souverän- dieser Ausbildung verdankt er wohl auch seine sportliche Erscheinung. Jacquelyn Wagner als Gräfin Rosina verfügt über ein strahlendes, hoheitsvolles Aussehen und sang hervorragend. Ihre zweite Arie war der musikalische Höhepunkt des Abends. Entzückend anzusehen und mit schöner lyrischer Stimme begabt war Rebecca Nelsen als Ihr Kammermädchen Susanna. Sie hat auch bemerkenswerte schauspielerische Fähigkeiten und brillierte als Darstellerin vor allem in Szenen mit Graf und Gräfin als kongeniale Partner. Wacker schlug sich Yashushi Hirano, der eine große, angenehme Stimme hat, als Figaro. An seinem Deutsch und an der Verfeinerung seiner dynamischen Schattierungen sollte er noch etwas arbeiten. Dorottya Láng war ein reizender, spielfreudiger Cherubino, der seine Arie mit ungewohnten Verzierungen bereicherte. Für alle anderen Mitwirkenden ein Pauschallob. Hervorheben will ich nur noch den umwerfend komischen Stefan Cerny als Bartolo.

Ein kleiner Wermutstropfen war die Verwendung einer deutschen Übersetzung für das Werk anstelle des italienischen Originals: Die schwerfälligere deutsche Sprache stellte die Sänger vor allem in den Rezitativen vor schwierige Aufgaben. Allerdings verstanden die Zuhörer die Pointen des Textes natürlich besser und lachten wesentlich mehr als es in einer italienischen Aufführung bei uns üblich ist. Das Publikum beklatschte jede einzelne Nummer der Oper und bejubelte das dargebotene pralle, vitale Stück Theater ausgiebig.

Mit ihrer Figaro-Produktion hat die Volksoper die Inszenierung dieses Werkes an der Staatsoper weit übertroffen, nicht nur szenisch, auch musikalisch: Ich will gar nicht an die Defizite der Sänger und des Dirigates an der Staatsoper und an das hässliche Bühnenbild mit seinen unzähligen sinnlosen Reproduktionen von Stillleben denken. Besonders chaotisch war die Personenführung, für die aufgeregt umherflatternde Hühner als Vorbild gedient haben könnten- genug davon. Die Volksoper dagegen hat ihrem Publikum mit dem neuen Figaro ein prächtiges Weihnachtsgeschenk gemacht.

Georg Freund

 

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