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WIEN/ Volksoper: DER BARBIER VON SEVILLA / Wiederaufnahme

12.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Volksoper – DER BARBIER VON SEVILLA (12.Jänner 2013; Wiederaufnahme)

 Man könnte in Wien derzeit beinahe von Rossini Festwochen sprechen – eine Serie der „Italiana“ in der legendären Ausstattung von Ponnelle in der Staatsoper, wo in Kürze auch die Premiere einer Neuinszenierung von „La Cenerentola“ über die Bühne gehen wird. Und in der Volksoper die Wiederaufnahme des „Barbier von Sevilla“ in der aus 2008 stammenden Inszenierung von Josef Ernst Köpplinger. Das wenig sängerfreundliche Wetter beeinträchtigte nicht nur das Haus am Ring (siehe auch die Kritiken der letzten Tage) sondern leider auch die Schwester am Gürtel.

Man glaubt es kaum, dass die gut geprobte (mit einer eine Generalprobe) Wiederaufnahme des Barbier erst die 19. Vorstellung in dieser Inszenierung ist. Josef Ernst Köpplinger, damals Intendant in Klagenfurt, hat bei dieser farblich bunten (Bühnenbild und Kostüme: Heidrun Schmelzer) Produktion einerseits deutliche Anleihen bei Günther Rennert und dessen uralt Inszenierung der Staatsoper genommen, andererseits viel szenische Elemente rund um die Protagonisten eingebracht. Des Klamauk und der Rahmenfiguren ist dabei vielleicht ein bisschen zu viel des Guten geworden; eine Minimierung der sich ständig wiederholenden Gags (auf die Nasen von dahinter stehenden Personen schlagende Türen, Stürze über Treppen, Pfarrer im Puff, usw.) würde das seinerzeitige Konzept nicht zerstören.

Die so oft ungerechtfertigt gescholtene Volksoper kann sich glücklich schätzen, jedenfalls drei sehr gute Sängerinnen für die Rosina im eigenen Ensemble zu haben und braucht daher dafür (wie auch für die restliche Besetzung) keinen Gast engagieren. Adrineh Simonian, die hier schon als Cenerentola ihre Qualitäten gezeigt hat, wäre zweifellos eine wunderbare Rosina als Mezzo, die kürzlich in Paris mehrfach preisgekrönte und in der Volksoper unterbeschäftigte Jennifer O´Loughlin hat vor nicht zu langer Zeit bei einer Veranstaltung der Volksopernfreunde mit der Arie der Rosina aufhorchen lassen und nicht zuletzt Anja-Nina Bahrmann, die an diesem Abend überzeugen konnte.

Drei Rollendebuts weckten das Interesse der Stammbesucher. Jenes von Noé Colin als Bartolo war leider durch eine schwere Indisposition (warum kam die Ansage erst nach der Pause ?) getrübt und entzieht sich daher einer ernsthaften Kritik. Darstellerisch bot er jedenfalls trotz der stimmlichen Beeinträchtigung eine überzeugende Leistung. Yasushi Hirano stellte sich dem Publikum nach seinem bejubelten Figaro in kurzer Zeit zum zweiten Mal mit einer neuen Rolle vor. Sein Basilio schafft die schmale Gradwanderung zwischen Commedia und Klamauk mit Bravour; die eine oder andere Unsicherheit wird sich nach ein paar Reprisen abschleifen. Und auch stimmlich kann dieser für diese Stimmlage noch sehr junge Sänger überzeugen; problemlos in der höheren Lage und ohne hörbare Probleme in den tieferen Regionen. In ihm wächst ein Sänger heran, dem – so fürchte ich – das Rollenangebot der Volksoper bald zu klein werden dürfte. Günter Haumer, der dritte Rollendebutant, bot einen durchaus ansprechenden Fiorillo.

Leider blieb auch Jörg Schneider als Almaviva von einer Indisposition nicht verschont, die er trotz seiner fulminanten Technik dennoch erst ab der Soldatenszene übersingen konnte und so waren seine ersten Szenen leider stimmlich getrübt; statt der erwarteten Spitzentöne musste er sich mit einer Sparvariante begnügen. Dass er trotz seiner für diese Partie nicht optimalen Statur darstellerisch überzeugen konnte, spricht für seine Bühnenpersönlichkeit. Ein annähernd idealer Titelheld ist Mathias Hausmann (den ich kürzlich in München neben Anja-Nina Bahrmann als Norina als hinterhältig intriganten Malatesta in „Don Pasquale“ erleben konnte) sowohl stimmlich wie darstellerisch und auch optisch. Dass er in der Auftrittscavatina zwischendurch den italienischen Originaltext verwendet, ist vermutlich nur wenigen Zuhörern aufgefallen. Man merkt ihm das Vergnügen an, dass er in und mit dieser Rolle hat. Mit Spielfreude und federleichter Stimme gibt Anja-Nina Bahrmann eine Rosina, die man im deutschsprachigen Raum erst einmal finden muss und die der damals die Premiere singenden Daniela Fally durchaus stimmliches Paroli bieten kann. Die junge Sängerin hat sich in der Zeit ihres Engagements an der Volksoper deutlich weiter entwickelt und steht am Beginn einer über das Haus reichenden Karriere. Eine mehr als rollendeckende Berta war Sulie Girardi, Hubertus Reim sang einen präsenten Offizier und Michael Weber ergänzte als Notar.

Wie zumeist ein Pluspunkt war der Chor, aufmerksam das Orchester. Leider wenig spritzig klang das Dirigat von Enrico Dovico; positiv gesprochen nahm er Rücksicht auf die Indispositionen, weniger positiv formuliert würde ich sagen, dass er die Sänger manchmal verhungern lies.

 

Michael Koling

 

 

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