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WIEN / Volksoper: COPPELIA

28.01.2019 | Ballett/Tanz, KRITIKEN


© Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

WIEN / Wiener Staatsballett in der Volksoper:
COPPELIA von Léo Delibes
Premiere: 27. Jänner 2019

Gut möglich, dass Manuel Legris daran arbeitet, dass wir ihn in sehnsüchtiger Rückschau in Erinnerung behalten, wenn im Herbst 2020 auch für das Ballett neue Zeiten anbrechen. Jedenfalls sorgt er – Franzose bis in die Fingerspitzen – dafür, dass wir die Klassiker des französischen Balletts ebenso „unverfälscht“ bekommen wie die Klassiker der Russen…

Er selbst hat vor gar nicht langer Zeit die „Sylvia“ des Léo Delibes in poetisch-schöner Verstaubtheit auf die Bühne gebracht, als lebte man im 19. Jahrhundert. Dasselbe tut – verstärkt – nun Pierre Lacotte mit der „Coppelia“, dem zweiten (in der Reihenfolge der Entstehung ersten) unsterblichen Ballettmeisterwerk von Leo Delibes.

Nicht Lacotte persönlich, natürlich nicht, der Mann ist weit über 80, aber Anne Salmon als für die Einstudierung Verantwortliche lässt nun die sorgfältige Rekonstruktion der Urfassung von Arthur Saint-Leon für Akt 1 und 2 in Szene gehen, und Akt 3 ist ganz in demselben Stil gestaltet. Mehr noch – man hat die originale Ausstattung rekonstruiert. Und siehe da, das alles kommt unendlich frisch und gar nicht gestrig auf die Bühne der Volksoper.

Leo Delibes (1836-1891) ist jener französische Komponist, von dem man eine Oper per Namen kennt, die fast nie gespielt wird, nämlich „Lakmé“, und zwei Ballette, die zum festen Bestand des Repertoires gehören. Bewegt sich „Sylvia“ in der Welt der antiken Mythen, zwischen Göttern und Nymphen, ist „Coppelia“ eine frische, nur ein wenig märchenhafte Geschichte nach einem wohl bekannten Motiv von E.T.A. Hoffmann – den Coppelius und seinen „Apparat“, die Puppe Olympia, kennt man aus „Hoffmanns Erzählungen“.

Interessant übrigens, das als Abschweifung erzählt, dass man mit dem Libretto natürlich machen kann, was man will: Das Moskauer Bolschoi-Theater hatte eine Aufführung (sie ist auf YouTube zu sehen), die der originalen Choreographie so gut wie nicht gleicht. Da sieht man gleich zu Beginn Coppelius, wie er aus einer scheinbar völlig schlabbrigen Gliederpuppe in einem unheimlichen, an den „Golem“ erinnernden Tanz die Coppelia-Puppe macht, während der Rest des Balletts dann zur großen Show dessen wird, was russische Choreographie am besten kann, inklusive atemberaubender Solisten-Virtuosität. Die französische Ur-Fassung ist ganz anders, wie man jetzt in Wien sieht.

„Coppelia“ spielt – ziemlich genau verortet – im „Osten“, in einem kleinen Ort an der galizischen Grenze. Folglich ist die Kostümierung folkloristisch polnisch-ungarisch-bäuerlich, sehr reizvoll, auch in mancher „gestrampften“ Szene des Corps. Da erlebt man nun das Liebespaar, die muntere, neugierige Swanilda und ihren nicht ganz so couragierten Liebsten Franz. Aus einem Nebenhaus sieht man immer wieder den seltsamen Coppelius kommen, man hat auch eine Ahnung von einem Mädchen bei ihm… So ist der erste Akt, gewissermaßen unbeschwerter „folkoristischer“ Beschwingtheit gewidmet.

Der zweite Akt spielt bei Coppelius, wobei das Innere seines Hauses wie die riesige Halle eines Schlosses wirkt. Überall stehen künstliche Figuren herum – und hinter einem Vorhang sitzt Coppelia. Wenn Swanilda mit ihren Freundinnen nun hier „einbricht“ und sich neugierig umsieht, dann besteht der Höhepunkt dieses Akts, der auf Humor gepolt ist, darin, dass sie in die Rolle der Puppe Coppelia schlüpft und aus deren eckigen Bewegungen ein Kabinettstück macht. Tatsächlich – E.T.A. Hoffmann, der ja wirklich ein ingeniöser Geist war, hat hier die menschenartigen Roboter vorausgeahnt… Seltsam ist nur, dass in diesem Akt darauf verzichtet wird, die anderen Figuren von Coppelius – der Chinese, der Araber u.s.w. – zum Leben zu erwecken (wie in der „Puppenfee“). Aber es ist ja eigentlich kein „Kinder-Ballett“…

Akt drei spielt dann vor dem Palast, der den Ort offenbar beherrscht, und wenn das Volk zur Hochzeit von Swanilda und Franz zusammen kommt, gibt es die berauschende „Nummern-Revue“ in verschiedenen Kostümen, die dann in Buntheit und Attraktivität von klassischer Qualität vorwirbelt. Natürlich mit einer lyrischen Szene für das Liebespaar – und danach mit allen brillanten Kunststückchen, die man Ballerina und Ballerino abfordert…

Natascha Mair ist die jüngste „Erste Solotänzerin“ des Hauses, die endlich – so sehr wir unsere Russinnen und andere Ballerinen aus aller Welt lieben – auch den Lokalpatriotismus befriedigt, weil sie eine Wienerin ist – und aus der Ballettschule jener Institution hervorgegangen, wo sie sich nun in jungen Jahren an die Spitze getanzt hat. Sie ist als Swanilda und als Coppelia die jugendliche Idealbesetzung, sie wirkt federleicht, schwebend, schlechtweg zauberhaft, und weder Technik noch Ausstrahlung lassen Wünsche offen. Und Denys Cherevychko überzeugt als ihr Franz mehr als sonst mit hehren Prinzen, denn für den Jungen vom Land, für das „Springinkerl“, könnte er nicht idealer besetzt sein. Als Coppélius wieselt Alexis Forabosco skurril herum, und das Ensemble brilliert, wie Tänzer es tun, mit denen eisenhart gearbeitet wurde, damit sie in unglaublicher Lockerheit erstrahlen.

Noch eine freudige Überraschung: Lange hat man Ballettmusik nicht so ausgewogen in ihren Stimmungen, so genau, so federnd, so sauber gehört wie vom Volksopernorchester unter der Leitung von Simon Hewett. Von dieser „Coppelia“ wird man noch lange schwärmen.

Renate Wagner

 

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