Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Volksoper: CHICAGO

Wien darf nicht Chicago werden!

voilksoper chicago chic~1
Alle Fotos: Volksoper

WIEN / Volksoper; 
CHICAGO
Ein Musical-Vaudeville von John Kander, Fred Ebb & Bob Fosse
in deutscher Sprache mit englischen Songs
Premiere: 24. Oktober 2026
 

Wien darf nicht Chicago werden!

„Wien darf nich Chicago werden“ –  für diesen Spruch hat die FPÖ einst viel Schelte eingestecken müssen. Und dennoch würde man ihn gerne Lotte de Beer angesichts ihrer „Chicago“-Aufführung an der Volksoper ins Stammbuch schreiben. Denn wieder einmal hat sie (wie beispielsweise auch bei „West Side Story“) gezeigt, dass sie für diese Kunstform kein Händchen und kein Gefühl, sondern nur falsche Ideen hat.

„Chicago“ ist nach „Cabaret“ das zweitberühmteste Werk, das Autor Fred Ebb und Komponist John Kander geschaffen haben – Letzterer lebt übrigens noch und wird nächstes Jahr hundert, so Gott will. Gemeinsam mit Bob Fosse, dem großen Choreographen, haben sie da ein effektvolles Stück Musical auf die Bühne gestellt, mit dem das Theater an der Wien übrigens in zwei Serien (1979 mit Judy Winter, Krista Stadler und Ernst Stankovski und 1998 mit Reinhard Fendrich) großen Erfolg hatte. Und der Film von 2001 (mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Richard Gere) war ein so elegantes wie schmissiges Vergnügen.

Nichts davon an der Volksoper. Man kann davon ausgehen, dass „Chicago“ für Lotte de Beer vor allem interessant war, weil „starke Frauen“ im Mittelpunkt dey Stücks stehen, obzwar sie im Grunde unsympathische, verlogene Biester (und Mörderinnen) sind. Dass man dergleichen nicht ernst nehmen darf, dass im Musical auch ein Gefängnis „glitzern“ müsste, diese Ansicht kann man von der Volksopern-Direktorin nicht erwarten. Darum ist die Bühne auch (wie einst in der „West Side Story“) grau in grau, ohne konkreten Anhaltspunkt, ohne ironisierendes Milieu (Bühnenbild   Christof Hetzer), einfach gar nichts halt.
Und dass bei einem Werk, an dem Bob Fosse mitgearbeitet hat, ein großer Anteil der Wirkung in den Ballettszenen läge, versteht sich.  Choreographin Arielle Smith durfte aber nie vergessen lassen, dass es sich hier um Gefängnisinsassen handelt und Verve und Brillanz, so fern überhaupt angestrebt, hier ideologisch sekundär sind. Eigentlich wird mehr gestrapft als getanzt, was auch vom Orchester (Dirigent: Maayan Franco) geliefert wird. Diese Musik, deren Melodik großartig ist („All that Jazz“ als Eröffnungsnummer) wie ihre Rhythmik so apart und charakteristisch, rauscht als dicke Sauce vorbei.

02 hicago mxs sze xxne 10~1

Nun ist „Chicago“ ja nur bedingt ein leichtes Stück, wenn man es auch als solches nehmen sollte. Allerdings nicht als dermaßen überdrehte Parodie, die hier gespielt wird. Und, wie bei Lotte de Beer so oft, gibt es die seltsamsten Zugaben. Soll man nach ihrer Pubertäts-„Zauberflöte“ meinen, dass sie einen Kinderkomplex hat? Sie schickt hier immer wieder drei kleine Mädchen auf die Bühne, die dem Zuschauer zukreischen, was demnächst passiert. Nein, das ist weder lustig noch possierlich, sondern nur überlüssig..

Man ist also in einem Gefängnis, das man nicht sieht, und drei Damen beherrschen das Geschehen. Voran die schlaksige Schlanke, Bettina Mönch als Roxie Hart, die ihren Liebhaber erschlagen hat, weil man eine Frau wie sie nicht verlässt (meint sie). Aufgehängt zu werden, ist allerdings auch keine Option, und nun manipuliert sie sowohl ihren Gatten wie den Anwalt, um davon zu kommen. Was ihr gelingt, und in der Gerichtsszene kann Bettina Mönch virtuos darauf los spielen. Als Kunstgeschöpf bis in die Fingerspitzen allerdings.

03 chicago m drei c frauen xs 39~1

Die entschieden undankbarer Zweitrolle hat Velma Kelly, gespielt von Myrthes Monteiro, dem kleinen Temperamentsbündel, das eine ganz schöne Giftspritze sein kann.

Und Nr. 3 im Bund ist Mama Morton, verkörpert von der kräftigen Katia Ledoux, die im Gefängnis herrscht und alle Dienste bezahlen lässt (so etwas soll es geben, hört man). Alle drei Damen sind hervorragende Sängerinnen, alle haben „Röhren“, die sich in die Ohren graben, und alle sind im Permanenz-Fortissimo unterwegs. Das kann gar nicht so toll sein, dass es nicht irgendwann ermüdete. Ja, und tanzen können sie auch. Und spielen auch. Gegen das Damentrio ist nichts einzuwenden – nur dass es für eine Regisseurin  leichter hätte gehen können, eleganter, souveräner…

Zwei Männerrollen dominieren, wobei Amos Hart, der unterdrückte Gatte von Roxy, in Gestalt von Jakob Semotan wie der einzige Mensch an diesem Abend der kreischenden Puppen erscheinen. Denn auch Lionel von Lawrence als mit allen Wassern gewaschener Anwalt Billy Flynn ist nichts anderes (eine Puppe nämlich, mit Prol Haugout).

Es gibt auch noch eine ausgesprochen medienkritische Ebene in diesem Musical – Anwalt Flynn manipuliert die Presse mit seinen Mörderinnen-Stories, was diese Herrschaften gerne mitmachen, bis der nächste noch größere Skandal kommt und sie weg sind, bei der nächsten Schlagzeile (daran hat sich seit dem über 50 Jahre alten Musical rein gar nichts geändert, wie es scheint.)

Wien darf nicht Chicago werden. Wäre es wie dieses in der Volksoper, wären wir grau, bleiern, überlaut und letztlich uninteressant. Am Ende bewährte sich aber doch eine alte Theatererfahrung. Je lauter es auf der Bühne zugeht, umso lauter ist auch der Applaus. Das hat oft mit der Qualität des Gebotenen nur peripher zu tun.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken