Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Volksoper: CHICAGO. Vorpremiere/ öffentliche Generalprobe

Volksoper 22.10.2026: Chicago. Vorpremiere /Öffentliche Generalprobe

chio

Vorpremière

Frau Direktor inszenieren nicht nur Opern, sondern auch Musicals. Lotte de Beer und ihr bevorzugtes Ausstatterteam (Hetzer, van Beek) haben schon die West Side Story mit dem Choreographen Brian Arias flott und spannend auf die Bühne gebracht. Kaum ist diese Produktion abgespielt, folgt Chicago mit der Choregraphie von Arielle Smith: noch flotter, mehr als sexy, ziemlich freizügig und sehr akrobatisch. Das Musicalpublikum kocht über vor Begeisterung. De Beer streicht das Brecht-artige der Stückdramaturgie heraus, bedient sich dazu etwa dreier herziger Mädchen aus dem Kinderchor (samt ihrer süßen Tochter, von der sie erzählt, dass sie das Stück anfangs für „schrecklich“ hielt) als Conferenciers. Dass sie weniger darüber nachdenkt, wie man dem Stück eine persönliche neue Note aufpfropfen kann als bei den letzten Operninszenierungen ist kein Nachteil und wird sich am Box Office gewiss lohnen.

Zwei Frauen müssen das Stück tragen: Roxie Hart und Velma Kelly, beide als Mörderinnen in Haft, geil (nicht nur, aber vor allem) auf Publicity, skrupellos, zynisch-witzig. Zwei Bombenrollen, bei denen Myrthes Monteiro furios tanzend, singend und spielend eine Velma der Sonderklasse abliefert und Bettina Mönch ihr Format als Roxie schon allein dadurch beweist, dass sie daneben nicht verblasst. Dritte Hauptrolle ist der smarte, gewissenlose Anwalt Billy Flinn. Lionel von Lawrence gibt ihn aalglatt und charmant mit auffallend schöner Stimme.

Auch ein paar Nebenrollen können in Chicago zum Clou werden und das Haus rocken. Ursula Pfitzner darf als Reporterin Mary Sunshine die Yellow-Press-Meute anführen und einige Operntöne beisteuern, aber die wahren Ereignisse sind Katja Ledoux als Mama Morton, die Gefängnismatrone und guter Engel der Gefangenen – freilich für gutes Bares und ein paar Zärtlichkeiten. Ledoux, sonst klassischer Mezzo, hat sich einen unfassbar zündenden Blues- oder Jazzstil angeeignet, mit dem sie das Bude zum Beben bringt. Aber da ist noch eine Leistung der Sonderklasse: Amos Hart, der entzückend naive, gutherzige Ehemann Roxies, der nahezu immer so übersehen wird, dass er sich selbst „Mister Cellophane“ nennt. Mit dieser putzigen Rolle können Publikumslieblinge abräumen, also steht sie vollkommen zu Recht Jakob Semotan zu. Das Ensemble ist tänzerisch top und stimmlich völlig okay, unter den Mörderinnen (Cell-Block Tango) findet man immerhin Isabel Saris und Katharina Gorgi (wenn man genau schaut) sowie aus dem neuen Opernstudio die sehr hübsche, hellbraune Jamie Petutschnig aus Kärnten.

War die Konzertmeisterin am Vortag in der Fledermaus Herrin über ein größeres Streichercorps, ist sie hier die einzige Violine mit einigen schmissigen oder auch lieblichen Soli; dominierend sind sie Klaviere, Klarinetten und Saxophone, Trompeten, Tuba und Schlagzeug, mit größtem Brio von Maayan Franco angetrieben. Ich habe schon schlankere, trockenere Bands in Chicago gehört, aber sicher keinen volleren Klang, der die Hütte flutet.

West Side Story hielt sich vier Jahre. Chicago wird das wohl auch – mindestens – schaffen.

Robert Fucik

 

Diese Seite drucken