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WIEN/ Volksoper: CHICAGO – Hohe Kunst auf allen Ebenen

CHICAGO – Hohe Kunst auf allen Ebenen

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Foto: Trailer der Volksoper

https://www.volksoper.at/produktion/chicago-2025.de.html

 

Mit „Chicago“ gelingt der Volksoper Wien ein weiterer großer Wurf. Nach dem überwältigenden Erfolg der „West Side Story“ beweist Lotte de Beer erneut, welches künstlerische Potenzial in diesem Haus steckt. Ihre Inszenierung des Musical-Vaudevilles von John Kander, Fred Ebb und Bob Fosse ist weit mehr als eine mitreißende Show: Sie ist eine intelligente, bis ins Detail durchdachte Auseinandersetzung mit diesem Werk.

De Beer nähert sich „Chicago“ mit den Mitteln des Brechtschen epischen Theaters. Verfremdung, bewusste Brüche und das Offenlegen theatralischer Mechanismen durchziehen den Abend. Besonders reizvoll sind die wiederholten Interaktionen mit dem Orchester, etwa wenn eine Figur ausdrücklich ihre eigene Abgangsmusik einfordert. Auch die Besetzung dreier Kinder als Conférenciers erweist sich als kluger Regieeinfall. Diese spiegeln die Emotionen im Publikum und machen die Grausamkeit, aber auch die Absurdität des Plots sichtbar.

Die weitgehende Reduktion der Requisiten in einem eigentlich requisitenreichen Stück lenkt den Blick umso stärker auf das Bühnenbild von Christof Hetzer. Und gerade hier stellt sich eine kritische Frage: Warum greift man nahezu unverändert auf die Grundkonstruktion der „West Side Story“ zurück? Wieder dominieren große, verschiebbare graue Mauern, eine drehbare Bühne und ein auffallend ähnliches Beleuchtungskonzept von Alex Brok. Lediglich die Showtreppe setzt einen neuen Akzent. Wenig überzeugend fällt auch das Kostümbild von Jorine van Beek aus. Viele Entwürfe wirken unvorteilhaft, teilweise billig und ästhetisch wenig ansprechend.

Die herausragende Qualität dieser Produktion zeigt sich nicht zuletzt in der außergewöhnlichen Ensembleleistung. Geradezu ein Fest der Mezzosopranistinnen liefern Myrthes Monteiro als Velma Kelly, Bettina Mönch als Roxie Hart und Katia Ledoux als Mama Morton, die nicht nur stimmlich brillieren, sondern auch darstellerisch und choreografisch Außerordentliches leisten. Die Choreografie von Arielle Smith verlangt den Darstellern enorme körperliche Präsenz und Präzision ab, ohne dass darunter die gesangliche Qualität leidet. Wie minutiös der Chor von Roger Díaz-Cajamarca und das Tanzensemble einstudiert wurden, zeigt sich besonders in der Gerichtsszene. Die perfekt aufeinander abgestimmten Bewegungsabläufe und das punktgenaue Timing machen diese Szene, in deren Mittelpunkt Mönch mit ihrer enormen darstellerischen und gesanglichen Präsenz steht, zu einem der Höhepunkte des Abends. Ledoux wiederum besticht durch ihre Vielseitigkeit und eine ruhige, souveräne Bühnenpräsenz, mit der sie unterschiedlichste Rollen ausfüllt.

Lionel von Lawrence begeistert als Billy Flynn mit seiner enormen stimmlichen Wandlungsfähigkeit. Mühelos wechselt er zwischen opernhaft gestütztem Gesang und kraftvoller Musicalstimme, während er seine Figur zugleich schmierig, selbstgefällig und mit köstlicher Selbstironie zeichnet. Dass ihm dabei auch choreografisch scheinbar nie die Luft ausgeht, grenzt an ein kleines Wunder. Ursula Pfitzner tobt sich als Mary Sunshine mit sichtlichem Vergnügen aus, während Jakob Semotan als Amos Hart mit „Mr. Cellophane“ die Tragikomik des unscheinbaren, von allen übersehenen Ehemanns auf den Punkt bringt.

Eine Klasse für sich ist auch das Orchester unter der musikalischen Leitung von Maayan Franco. Gerade die sogenannten Vamps, jene musikalischen Passagen, in denen das Orchester das Bühnengeschehen begleitet und flexibel auf dessen Verlauf reagieren muss, gelingen mit beeindruckender Präzision.

„Chicago“ schließt nahtlos an den Erfolg der „West Side Story“ an. Trotz einiger ästhetischer Schwächen ist dieser Abend ein Triumph – intelligent, mitreißend und von einer Ensembleleistung getragen, die ihresgleichen sucht.

Elisabeth Sabaditsch-Wolff

 

 

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