Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN/ Volksoper: „BEGEGNUNGEN“ in dunklen Szenerien – Ballettpremiere

03.02.2022 | Allgemein, Ballett/Tanz

Ballettpremiere in der Volksoper: „BEGEGNUNGEN“ in dunklen Szenerien (2.2. 2022)

begeg
Foto: Wiener Staatsballett

Gewisse Schwächen mögen gegeben sein, Konflikte streben diese „Begegnungen“ jedoch nicht an. Vertraut sind sich die drei Choreographen, welchen diesen Dreiteiler des Wiener Staatsballetts in der Volksoper gestaltet haben. Alexei Ratmansky aus St. Petersburg, erfahrener und reifer Choreograph mit einer Erfolgsbilanz vom Moskauer Bolschoi-Ballett bis in die Vereinigten Staaten, zählt zur international arrivierten Choreographenriege. Andrey Kaydanovskiy, künstlerisch aufgeschlossener Mitdreissiger aus Moskau, seit zwei Jahrzehnten nun schon Mitglied des Wiener Opernballetts, ist am guten Weg sich als Gestalter mit originellen Ideen einen Namen zu machen. Und der Schweizer Martin Schläpfer, der Senior im Trio und nun das zweite Jahr Chef der Wiener Kompanie, setzt hier seine Ambitionen fort, nicht mit originaler Ballettmusik sondern mit Tanzschöpfungen auf beliebte symphonische Kompositionen sich dem Gefallen des Wiener Ballettpublikums zu nähern.

ash
Foto: Ashley Taylor/ Wiener Staatsballett

Nummer eins im Programm bietet mit Alexei Ratmanskys für die Solisten des Londoner Royal Ballet kreierten „24 Préludes“ ein absolut perfekt gestyltes Wechselspiel für vier virtuose Paare. 24 Préludes: das ist Frédéric Chopin, Klaviermusik – doch hier in einer höchst eigenwilligen wie gefällig ins Ohr fließenden Orchesterfassung von Jean Francaix. Ratmansky vermittelt Harmonie pur, Tanz und Musik finden auf elegante Art zueinander. Ein Problem, wohl des ganzenAbends: Diese unterschiedlichen Choreographien sprechen eher ein verständiges, dem Ballett zugeneigtes Publikum an. Alle drei abstrakt – und somit eine anspruchsvolle Tanzkunst stets in dunkler Szenerie ohne klar formulierten Erzählungen.   

Interessant, einmal mehr: Andrey Kaydanovskiy liess sich für seine uraufgeführte „lux umbra“ Psycho-Halluzination von Platons Höhlengleichnis inspirieren. Licht & Schatten: Ein Einzelgänger (Marcos Menha) sucht in seiner Höhle (Unterwelt, Bunker, niedere soziale Klasse) mit extrem expressiver Körpersprache vergeblich sich den einfallenden Lichtstrahlen zu nähern. Gefangen unter nicht so ganz seinesgleichen – eine stürmisch bewegte, in fantasievollen Gruppierungen herum wirbelnde Schar. Trennende Wand, Decke stürzen zusammen – unvermutet stehen er und Partnerin (Rebecca Horner) in der Finsternis auf einer Wiese, verunsichert, von nicht erkenntlichen Gestalten aus Distanz beobachtet. Und schon sind die beiden wieder verschwunden …. wohin auch immer.  Karoline Hogl ist dazu eine einfache wie eindrucksvolle Bildgestaltung gelungen. Die Klangkulisse von Christof Dientz unterstreicht sehr wirkungsvoll, mit abwechslungsreichen wie nervigen orchestralen Effekten die von Kaydanovskiy angestrebte diffuse Aussage.

Ja, und was darf ein gewissenhafter Kreativer heutzutage von Musikgott Ludwig van Beethoven abverlangen? Martin Schläpfer hat sich an dessen 4. Klavierkonzert gewagt, ist mit seiner akzentuiert ausgefeilten Körpersprache und konzentriert sinnierend dessen lyrischer Klangmagie gefolgt. Wohl nicht immer so ganz mit deren Strahlkraft überein stimmend. „in sonne verwandelt“ steht über dem Stück, doch auf die düstere leere Bühne – ein schwer zu deutendes skurriles Objekt lagert doch auf ihr – und auf die feinen Tänzer fällt kein Sonnenstrahl. Feine TänzerInnen? Ja, das Wiener Staatsballett, von Schläpfer hier wieder als eher anonymes Kollektiv eingesetzt, vermag in jedem Stück dessen Qualitäten zu vermitteln. Auch wenn diese Begegnungen nicht jedermanns Herzensanliegen sein dürften. Gerrit Prießnitz als Dirigent des Abends und Johannes Piirto als Beethoven-Interpret haben zum respektablen Premierenerfolg mitgeholfen.

Meinhard Rüdenauer

 

Diese Seite drucken