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WIEN / Vienna’s English Theatre: THE SUITCASE

18.01.2024 | KRITIKEN, Theater

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Copyright Reinhard Reidinger/ Vienna’s English Theatre

WIEN / Vienna’s English Theatre:
THE SUITCASE von Jane Coyle
Premiere: 17. Jänner 2024.
besucht wurde die Voraufführung 

Es gibt eine speziell jüdische Problematik, die in letzter Zeit immer wieder behandelt wird. Tatsächlich haben bis auf wenige Ausnahmen (die dann als Zeitzeugen immer wieder befragt wurden) wenige Holocaust-Überlebende über ihre grauenvollen Erlebnisse in den Lagern gesprochen. Die nächste Generation, so sie nicht in Israel lebte, versuchte oft, die Thematik totzuschweigen und in ihren Gastvölkern aufzugehen. Erst deren Kinder interessieren sich wieder für die Vergangenheit und die jüdische Identität.

Dieses Thema behandelt nun auch die britische, in Nordirland ansässige Autorin  Jane Coyle in ihrem Stück „The Suitcase“. Der Titel gebende Koffer ist für jüdische Schicksale so typisch wie das, was hier erzählt wird, aber Jane Coyle schafft es, an tragischen Einzelschicksalen stärkere Emotionen zu wecken, als es kollektive Beschreibungen vermögen.

Wenn Galina Stein, einst Tänzerin in Wien, vor den Zuschauern erscheint und man Stationen ihrer Tragödie bis zu ihrem Ende in Theresienstadt verfolgt, so wie sie sich aus den Dokumenten in ihrem Koffer herauslesen lassen, dann ist die Geschichte von Millionen Menschen erzählt.

Dieser an sich wohl bekannte Inhalt wird klassisch verpackt. Die Handlung spielt in Belfast, wo die jüdische Familie integriert lebt. Opa ist gestorben (ist aber auf der linken Bühnenseite als Erzähler noch sehr präsent), seine Tochter und seine Enkelin räumen seine Sachen aus und stoßen auf einen Koffer, dessen Besitzerin sie nicht kennen – und Schritt für Schritt wird klar, wie das Schicksal ihres deutschen Großvaters Leo Edelmann mit Galina Stein, dem der jungen Frau aus Wien, verwoben war. Da lässt sich vieles darstellen, von den ganz normalen jüdischen Leben in Deutschland und Österreich anfangs, die Schritt für Schritt im Nationalsozialismus zerstört wurden, ergreifende Szenen der Vergangenheit, konterkariert mit den Reaktionen der Frauen aus der Gegenwart, die ihre verschiedenen Positionen zur Vergangenheit vertreten – die Mutter, bald nach dem Krieg geboren, will verdrängen, die Tochter will wissen, und zwar so viele Details wie möglich.

Wenn die Autorin dem Thema auch keinerlei neue Aspekte abgewinnt (wie auch?), so erwähnt sie zumindest über den Umweg der „Weißen Rose“, dass es auch deutschen Widerstand gab und anständige Menschen ihr Leben opferten, um das Regime  zu bekämpfen.

Es ist eine hundertminütige Geschichte, die ihre Ebenen in der unspektakulären Ausstattung von Vernon Marshal dauernd wechselt, begleitet von einem Geiger (Benjamin Uitz), der den Abend mit Musik versetzt und zugleich den jungen Leo Edelmann verkörpert, der einst ein hoffnungsvoller Geiger war, bevor man ihn als Teenager ins Lager brachte. Dort  überlebte er nur, weil er (ebenso wie Galina Stein, die es aber nicht überstand) für die „Unterhaltung“ im Konzentrationslager abgestellt wurde… Martin Muliar spielt den alten Leo, und dass er Englisch mit deutschem Akzent spricht, ist völlig gerechtfertigt, stammt er doch aus Berlin und ist erst nach dem Krieg nach Irland ausgewandert. Muliar ist sympathisch präsent und erfolgreich darin, sein Schicksal nicht in kitschige Rührung abgleiten zu lassen.

Angesichts von Galina Stein muss man allerdings immer wieder die Tränen herunter schlucken, so ergreifend schreitet die gebürtige Schweizerin Liviana Degen mit einem an Anne Frank erinnernden Look durch ihr Schicksal, ein junges Geschöpf voll Hoffnung an das Leben, das ihr bald nur das Allerschwerste auferlegt. Sie bekommt mehrere Tanzszenen, und dank des Choreographen Wei-Ken Liao glaubt man ihr die professionelle Tänzerin jeden Augenblick.

Etwas weniger erfolgreich war Regisseur Robert G. Neumayr bei der Führung von Mutter (Anne Marie Sheridan) und Tochter (Katharina Gerlich), beide wirken vergleichsweise schwach, ohne Fokus und auch sprachlich ungenügend.

Das Publikum war ergriffen und applaudierte heftig. Das ist das Stück der Stunde – in einer Welt, wo in ganz Europa gestattet wird, dass hasserfüllte Horden demonstrieren, die den Juden ihr Lebens- und Existenzrecht absprechen wollen.

Renate Wagner

 

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