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WIEN / Vienna’s English Theatre: THE LIE

12.09.2018 | KRITIKEN, Theater

WIEN / Vienna’s English Theatre:
THE LIE von Florian Zeller
Premiere: 11. September 2018,
besucht wurde die Voraufführung

Man schreibt das Bonmot Ernst Hauesserman, dem ehemaligen Burgtheaterdirektor (lange verstorben), zu: „Wenn Dir jemand tief in die Augen blickt und meint: Jetzt sag bitte wirklich die Wahrheit!, dann gibt es nur eines: Lügen, lügen, lügen.“ Kann schon sein, dass sich mancher Zeitgenosse an diese Lebensweisheit hält. Und dass die Lüge in Beziehungsfragen eine ungeheuer große Rolle spielt…  das weiß jeder. Florian Zeller bringt es immer wieder auf die Bühne.

Der noch nicht 40jährige Franzose mit dem deutschen Namen ist auf den Bühnen ungemein erfolgreich, auch in Wien hat er uns schon mehrfach eingeholt. Todernst mit dem Alzheimer-Drama „Vater“ (2016 in den Kammerspielen), heiterer in dem Beziehungsquartett „Die Kehrseite der Medaille“ (auch 2016 in den Kammerspielen), dem wir demnächst unter dem Titel „Verliebt in meine Frau“ mit Daniel Auteuil und Gerard Depardieu auch im Kino begegnen werden. Ja, und dann hat das Volkstheater in den Bezirken 2013 „Die Wahrheit“ gespielt, und wer sich ein bisschen daran erinnert, trifft die vier Personen nun in der Fortsetzung „The Lie“ in Vienna’s English Theatre wieder.

Eigentlich ist es schon in der „Wahrheit“ um die Beziehungslügen gegangen, damals schon waren Alice und Paul ein Paar, ebenso Michel und Laurence, damals schon hat man sich kreuz und quer betrogen und belogen, und nun tun sie es, reiferen Alters, wieder. Wobei jeder der Herren mit der Gattin des besten Freundes schläft, aber die „betrügenden“ Paare eigentlich sicher sind, dass die anderen nichts von ihnen wissen. Solcherart wäre alles in bester Ordnung, wenn man die Sache in Ruhe ließe.

Aber in Alice bohrt es. Da hat sie doch – angeblich aus schlechtem Gewissen – mit Michel vor drei Wochen Schluß gemacht. Dann sieht sie ihn, wie er auf der Straße schon die nächste Dame abküsst. Ist wütend, will die Einladung für Michel und Laurence am gleichen Abend absagen, was Paul nicht begreift und ihm höchst peinlich wäre. Also setzt die wütende Alice zu nervtötender Wahrheits-Inquisition an, bei der natürlich gelogen wird, dass sich die Balken biegen… Freilich, über die Schlusspointe wird sich kaum jemand gewundert haben.

Das Publikum mag, wenn man das andere Stück nicht kennt, am Anfang ein wenig ratos sein, aber schnell wird klar, dass man einem wirbelnden Lügenspiel in bester französisch-englischer Boulevard-Tradition folgt (manchmal weiß man auch, wann sie lügen – ohnedies meistens, bis Paul dann am Ende fast die Karten auf den Tisch legt). Nur eine Zeitlang im ersten Teils hängt das ewig gleiche Drehen und Wenden von „Hast Du mich betrogen?“ ein wenig durch.

Wobei die Aufführung in Vienna’s English Theatre noch einen besonderen Glücksfall zu verzeichnen hat: Der Übersetzer vom Französischen ins Englische war nämlich Christopher Hampton, und das ergab ein pointiertes, elastisches sprachliches Meisterstück für sich.

 
Foto: Vienna’s English Theatre

Regisseur Sean Aita (in einem Wohlstands-Bühnenbild von Hans Kudlich und Kostümen von Andrea Itzinger, die die Damen elegant, die Herren locker ausstaffiert) hat die Darsteller ganz scharf an die Kandare genommen. Die Pointen erfolgen je nach Schattierung wie Nadelstiche bis zu Pistolenschüssen, aber Hausherr Paul – der prächtige Martyn Stanbridge – lässt uns auch teilnehmen, wie sein Hirn unter den jeweiligen Herausforderungen der immer neu sich drehenden Lügen-Situation rotiert. Amanda Osborne als betrogene, betrügende Alice ist biestig und giftig und ein Vergnügen, Michel (Richard Emerson) tut so harmlos, zeigt aber gelegentlich, dass er es nicht ist, und die superschlanke Saman Giraud als Laurence ist ein Rübensüßchen wie es im Buche steht.

Lasst uns lügen ist ein uraltes Theaterrezept. Und es ist wieder einmal aufgegangen.

Renate Wagner

 

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