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WIEN / Vienna’s English Theatre: THE CHILDREN

17.09.2019 | KRITIKEN, Theater

WIEN / Vienna’s English Theatre:
THE CHILDREN Lucy Kirkwood
Premiere: 16. September 2019

Dass wir uns an der englischen Ostküste befinden, muss man im Programmheft nachlesen, man erführe es aus dem Stück nicht, wenn da plötzlich Rose in der Küche von Hazel steht und von ihr offenbar zur Begrüßung einen Schlag auf den Kopf erhalten hat. Erschrocken über den fremden Eindringling? Wenn sehr, sehr schnell klar wird, wie wenig die beiden Frauen sich leiden können, wäre da Absicht zu vermuten (noch dazu, weil man es der extrem unsympathischen Hazel ohne weiteres zutraute): Aber andererseits haben sich die Damen seit 38 (!) Jahren nicht mehr gesehen. Einst jung, nun 60 plus.

Was will Rose mit diesem Besuch? Und warum heißt das aus dem Jahre 2016 stammende, unerklärlicherweise sogar preisgekrönte Stück der Britin Lucy Kirkwood „The Children“? Was übrigens nicht das einzige ist, was an diesem Abend nicht klar wird.

Die Aufführung in Vienna’s English Theatre wird von Adrienne Ferguson inszeniert, die im Programmheft mutmaßt, es sei eine Stärke des Stücks, dass man so lange nicht wisse, worum es geht. Da irrt sie – man fragt sich gelangweilt, wann die Geschichte endlich auf den Punkt kommt. Stückchenweise erfährt man, dass alle Beteiligten einmal Nuklearingenieure waren. Dass es offenbar eine Reaktorkatastrophe gab, die die Gegend immer noch verstrahlt. Und als sich dann Robin, der Gatte von Hazel, zu den Frauen gesellt, kommt schnell heraus, dass er einst und noch lange Zeit darüber hinaus ein Verhältnis mit Rose hatte, von der man nicht viel mehr zu wissen bekommt, als dass sie offenbar Brustkrebs überstanden hat… Hazel darf sich ohnedies nur als unausstehliche Zicke gerieren. Und warum ist (Titel: „The Children“) das Leben ihrer 38jährigen Tochter missglückt? Genau, was Genaues erfährt man auch hier nicht.

Als die Autorin endlich, endlich, nach der Mühsal eines unsinnigen Drittabschlagens zwischen ihren Figuren, zur Sache kommt, schlägt sie ein ganz anderes Thema an, das dann aber auch nicht ausgeführt wird. Lucy Kirkwood hat sich für ihr Stück von der Atomkatastrophe in Fukushima im Jahre 2011 inspirieren lassen – und von einer Aktion heldenhafter Japaner, über die man im Programmheft unter dem Titel „Pensioners turned Heroes“ liest. Genau das will Rose von den beiden: Sie sollen mit ihr in dem verseuchten Werk arbeiten, was den sicheren Krebstod bedeutet – aber wenn sie es tun, Menschen, die gewissermaßen ihr Leben gehabt haben, können sie junge Menschen von dieser tödlichen Arbeit befreien…


Foto: Copyright: Reinhard Reidinger/VET

Wie gesagt, in diesem Stück, das so schrecklich künstlich und konstruiert und so gar nicht, wie versprochen, spannend ist, gibt es keine Lösung: Zu einem Song von einst tanzen die drei in Erinnerung an ihre Jugend, ein Happyend ist es nicht, Robin wird sich Rose anschließen, was die immer zänkische Hazel tut, weiß man nicht, interessiert aber auch nicht. Das Problem, ob Nuklearingenieure für Katastrophen verantwortlich sind (diese ereignete sich allerdings auf Grund von Sturm und Tsunami, nicht auf Grund menschlichen Versagens) und also die Folgen ausbaden sollen, wird ebenso wenig auch nur ansatzweise diskutiert wie die Frage, ob die Alten den Jungen etwas schuldig sind.

Sicher liegt die Mühsal des Abends auch daran, dass Amanda Osborne als Rose und Anna Kirke als Hazel zwar als Typen überzeugen, aber so viel Alltagsschlamperei in ihrer Sprache haben, dass man ihnen ungern zuhört (abgesehen von so viel Unsinn, den sie zu reden haben). Mark Elstob als Robin ist überzeugender, obwohl auch sein Text nicht besser ist.

Diesmal hat Vienna’s English Theatre auf der lobenswerten Suche nach neuen Stücken keinen sonderlich guten Griff getan. Das Premierenpublikum applaudierte höflich, aber nicht besonders beeindruckt.

Renate Wagner

 

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