
Fotos © Vienna’s English Theatre/Armin Bardel
WIEN / Vienna’s English Theatre:
SWITZERLAND von Joanna Murray-Smith
Premiere: 28. Jänner 2026,
besucht wurde die Voraufführung
Der Krimi um die Krimi-Königin
Patricia Highsmith (1921-1995) hatte sich in ihren späteren Jahren in die Schweizer Berge zurück gezogen. Dort lebte sie (wenn man dem Stück, das Vienna’s English Theatre nun zeigt, glauben kann) in diesem „Switzerland“ einsam inmitten einer Waffensammlung, die sie kenntnisreich zusammen getragen hatte, und mit Schlangen in einem Terrarium, die man auf der Bühne glücklicherweise nicht sieht. Wie unangenehm sie ihren Mitmenschen begegnete, erlebt Edward Ridgeway, der von ihrem New Yorker Verlag losgeschickt wurde, um die alte legendäre Kriminal-Autorin (das Stück spielt Mitte der neunziger Jahre) dazu zu bewegen, noch einen Roman über Tom Ripley zu schreiben… denn sie sei, so der leidenschaftliche Lektor und Literaturliebhaber, mit dieser Figur noch nicht fertig.
Man weiß natürlich, wovon die Rede ist: „Der talentierte Mr. Ripley“ hat in seiner strahlenden Ruchlosigkeit und Gewissenlosigkeit schon zwischen Buchseiten so fasziniert, dass man als aufgeregter Leser dringend hoffte, er würde mit seinen Verbrechen durchkommen – und wie erst in der Verfilmung mit dem damals atemberaubend schönen Alain Delon. Ripley, 1955 geschaffen, ist die bekannteste Figur von Patricia Highsmith geworden und geblieben – und tatsächlich hat sie dem ersten Roman bis ins hohe Alter mehrere Fortsetzungen nachgeschickt
Da stimmt das Stück der australischen Autorin Joanna Murray-Smith, das 2014 in Sydney uraufgeführt wurde, nicht wirklich, aber darauf kommt es nicht an, es bewegt sich auf anderen (und mehreren) Ebenen. Anfangs wird man mit harscher Unfreundlichkeit konfrontiert (nicht einmal ihre schlechten Eigenschaften wie Rassismus werden unter den Teppich gekehrt), und der zuerst so herunter geputzte junge Mann leistet nach und nach Widerstand. Ein spannendes Duell, bei dem er sie sogar dazu, bringt, eine neue Ripley-Romanhandlung zu entwickeln.
Aber erst nach der Pause wird die Geschichte wirklich interessant, wenn sie vom düsteren Charakterporträt zu etwas ganz Anderem mutiert, das man natürlich leider nicht verraten darf. Nur so viel… hier wird nicht nur eine mystische Ebene eingezogen, hier wird das Schicksal der Highsmith selbst zum Krimi, ja gegen Ende fast zum Horror. Man ist verblüfft – und gleichzeitig immer interessiert und auch amüsiert.

Mit der schrittweise immer stärker werdenden Spannung kommt Regisseurin Adrienne Ferguson bestens zurecht, was die Führung von Amanda Osborne als Patricia Highsmith betrifft, hätte sie einen Gang hinunter schalten können. Bemerkenswert die Ähnlichkeit, die die Darstellerin mit dem Vorbild (soweit man diese von Fotos kennt) erreicht. Aber ihre ununterbrochene, schnell ermüdende Aggressivität, das ewige laute Herumgeschreie, die penetrant „männliche“ Attitüde (auch Lesben sitzen wohl nicht wie Männer immer mit ostentativ gespreizten Beien da) fügt sich weniger zum Charakterporträt als zur Kunstfigur, die sich in spekulativer Überzeichnung gefällt. Dazu kommt noch, dass die Darstellerin nicht nur im Habitus, sondern auch in der Sprache bewusst ordinär ist.
Da brilliert ihr Gegenspieler James Arden als (zuerst) Edward Ridgeway. Dieser soll zwar Amerikaner sein, widersteht aber jeder Verballhornung der Sprache mit schönem Englisch (er ist schließlich Brite…). Die überraschende Entwicklung, die sein Charakter nimmt, zeichnet er in allen Details glaubwürdig, mit trickreichen Drehungen und Wendungen nach…
Was die Pointe gewesen ist? Nur so viel: Heißt es nicht immer wieder, Künstler würden von ihren Geschöpfen heimgesucht? Ein trotz des finalen Schocks bestens unterhaltenes Publikum spendete heftigen Beifall.
Renate Wagner

