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WIEN / Vienna’s English Theatre: RUN FOR YOUR WIFE

25.05.2016 | KRITIKEN, Theater

Run for your Wife

WIEN / Vienna’s English Theatre:
RUN FOR YOUR WIFE by Ray Cooney
Premiere:  24. Mai 2016 

Es gibt Komödienklassiker, die scheinbar immer funktionieren, weil sie sowohl von Inhalt wie Struktur unvermeidbar helles Gelächter auslösen müssen. Wer etwas zu verbergen hat und in dem wahnsinnigen Bemühen, nicht ertappt zu werden, eine Lüge auf die andere türmt, die dann weitere Lügen und – bildlich und faktisch – irre Luftsprünge erzeugen, der ist entweder von Feydeau oder Ray Cooney, denn so nahe wie bei ihm sind die Briten den französischen Vorbildern selten gekommen.

Die berühmteste seiner weltweit berühmt gewordenen Farcen, „Run for your Wife“, 1983 uraufgeführt, wurde in Wien schon 1984 in der Kleinen Komödie gezeigt – so schnell war man damals in den gering geschätzten, aber liebend gern besuchten Boulevardbühnen, die es heute nicht mehr gibt. Vor fünf Jahren spielten die Josefstädter Kammerspiele das Stück, und Vienna’s English Theatre, das es schon 1992 (naturgemäß in der Originalsprache) geboten hat, greift nun wieder darauf zurück. Mit schrankenlosem Erfolg.

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Matthew Carter,  Mark Pearce, Daphne Kouma  Fotos: Vienna’s English Theatre, Reinhard Reidinger 

Denn es ist, schon vom Stück her, einfach zu brillant gemacht. Eine Bühne, zwei Wohnungen, rechts wohnt Taxifahrer John Smith mit Gattin Nr. 1, links mit Gattin Nr. 2, sein Stundenplan, welche Dame wann an der Reihe ist, funktioniert tadellos – wenn er nicht eines Tages einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommt, im Spital landet und alles durcheinander gerät. Ein hilfreicher Freund macht alles noch schlimmer, zwei neugierige, aber glücklicherweise dümmliche Polizisten, schnüffeln hinter dem Mann mit den zwei Adressen her, und ein aufdringlicher Nachbar sorgt dafür, dass sich der Mix der Turbulenzen immer höher schaukelt.

Nur an einem Handlungselement merkt man dem Stück seine mehr als 30 Lebensjahrzehnte an: Damals durfte über Schwule (in England länger kriminalisiert als sonst wo, aber nun endlich straffrei) nicht nur gescherzt werden, man durfte sie auch als komische Typen ausstellen, man durfte sich über die Idee des Schwulseins – „Brrr!“ – lustig machen, kurz, dass John Smith, um nicht als Bigamist entlarvt zu werden, lieber erklärt, schwul zu sein (zum Entsetzen des damit hineingezogenen Freundes, während der echte Schwule von nebenan so heftig mit der Hüfte wackelt, wie es längst politisch unkorrekt ist) – ja, da kann man nur hoffen, dass alle betroffenen Herren ihren Humor behalten und so heftig mitlachen, wie es das Stück verdient. Sich hier zu entrüsten, wäre einfach… humorlos.

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Julian Eardley,  Erica Guyatt

Stücke, die so gnadenlos genau sind, müssen in Logistik (der Zuschauer muss jede Sekunde wissen, wer sich in welcher Wohnung befindet, auch wenn die Schauspieler durcheinander wirbeln), Timing (jede Pointe hat ihre Reaktion, und das Lachen des Publikums muss in das Spiel der Protagonisten eingebaut werden) und Psychologie (bei allem Slapstick geht es hier ja um sozusagen „echtes“ Entsetzen oder auch echte Dummheit der Beteiligten) punkt genau gearbeitet werden, und das gelingt Regisseur Keith Myers in dem doppelten Kleinbürger-Bühnenbild von Terry Parsons hervorragend.

Der Abend funkelt auch, weil Matthew Carter als unschuldsvoller Bigamist ein so verzweifelt gefinkeltes Kerlchen ist und Mark Pearce als bulliger Nachbar eine geborene Humorbombe beizusteuern hat. Von den beiden Polizisten ist einer (Gary Mackay als Detective Sergeant Porterhouse, der so gern Ehe- und Familienratschläge gibt) noch dümmer als der andere (Peter Hoggart als Detective Sergeant Troughton, der so sicher ist, alles zu durchschauen), und Julian Eardley erlegt sich mit seiner Schwulen-Parodie keinerlei Hemmungen auf, wie es vom Stück auch gemeint ist.

Bei so viel Männer-Potenz dürfen die Damen nur kreischen und zicken, die kleine Dunkle (Daphne Kouma) und die mächtige Blondine (Erica Guyatt).

Alles zusammen: die hohe Schule der englischen Farce. Das will gekonnt sein, das wird hier gekonnt.

Renate Wagner             

 

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