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WIEN / Vienna’s English Theatre: A DOLL’S HOUSE, PART 2

02.03.2022 | KRITIKEN, Theater

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WIEN / Vienna’s English Theatre:
A DOLL’S HOUSE, PART 2 von Lucas Hnath
Premiere: 1. März 2022 

Jeder kennt „Nora“, ist Ibsens Heldin doch eine der berühmtesten Figuren der Theatergeschichte. Hausfrauchen, Mutter dreier Kinder und Spielzeug für ihren Gatten. Man weiß, wie es ausging: Sie fühlt sich unverstanden, in ihrem Wert nicht erkannt, dreht sich um und geht. Es ist heute nicht mehr vorstellbar, welchen Skandal dieses 1879 geradezu undenkbare weibliche Verhalten damals erregte…

Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hat, darüber hat sich schon Elfriede Jelinek den Kopf zerbrochen und die arme Nora in die Fabrik geschickt. Auch der amerikanische Autor Lucas Hnath denkt die Geschichte weiter, ist allerdings freundlicher zu ihr. Die Nora, die 15 Jahre nach ihrem Abgang wieder im Haus ihres ehemaligen Gatten Torvald Helmer steht, ist eine klassische Emanze geworden, die in ihren Büchern die Frauen ermutigt, aus ihren unbefriedigenden Ehen auszubrechen. Was auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts noch nicht besonders erfreut aufgenommen wird, zumal von der offiziellen Männerwelt.

In Vienna’s English Theatre steht die neue Nora nun auf der Bühne und findet wenig Verständnis: nicht bei Anne Marie, ihrer alten Kinderfrau, die nach ihrem Verschwinden die drei verlassenen Kinder aufgezogen hat; nicht bei Torvald, der ziemlich empört ist, wie Nora ihn in einem Schlüsselroman darstellt, Und am allerwenigsten bei ihrer etwa 18jährigen Tochter Emmy, die die „fortschrittlichen“ Ansichten der Mutter gar nicht teilt und eine konventionelle Ehe will.

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Lucas Hnath hat der Nora „15 Jahre danach“ einige originelle Aspekte gegeben. Sie kommt, weil sie festgestellt hat, dass der Gatte keineswegs die Scheidung durchgezogen hat, wie sie meinte (was ihr einige legale Schwierigkeiten bereitet). Dass er die Umwelt in dem Glauben ließ, die verschwundene Gattin sei tot, ist auch eine Pointe. Am stärksten überzeugt allerdings die Haltung der Tochter, die dem mütterlichen Abgang von einst ohne die geringste Sentimentalität gegenüber steht

Der Schwachpunkt des Stücks: Nora kommt gar nicht sympathisch über die Rampe, sondern als Phrasen dreschende Egozentrikerin, und wenn sie am Ende des Stücks nach knapp zwei Stunden wieder die Tür hinter sich zuschlägt, ist man so klug als wie zuvor. Die Geschichte hat ihre neuen Aspekte bekommen, aber sich eigentlich nicht bewegt. Nora kämpft weiter, der hier etwas larmoyante Gatte bleibt wieder allein, die Tochter wird heiraten. Irgendwie ist man mit diesem Ergebnis nicht ganz zufrieden.

Natürlich macht Regisseur Ken Alexander in der schlichten Ausstattung von Vernon Marshal durchaus anregendes Boulevard-Theater daraus, wobei die Pointen vor allem bei dem Auftritt der Tochter fliegen: Kaum zu glauben, dass es für Eleni McDonald als Emmy ihr Debut-Abend auf dem Theater war, so souverän wusch sie der Mutter den Kopf. Das ist allerdings die einzige Stelle, wo Adrienne Ferguson als Nora sprachlos wird, im übrigen verteidigt sie ihre Weltanschauungen souverän – und zur Not auch handgreiflich gegen den hier etwas knieweichen Gatten, den Howard Nightingall so sympathisch macht. Um einiges netter als bei Ibsen ist Torvald schon geworden. Dazu kommt noch Kathy Tanner, die der neuen Nora mit begreiflicher Skepsis gegenüber steht.

Viel Applaus für einen Abend, der auch den nicht zu unterschätzenden Vorteil hatte, etwas Neues zu bieten (das Originalstück kam erst 2017 am Broadway heraus).

Renate Wagner

 

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