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WIEN / Vestibül: SATURN KEHRT ZURÜCK

20.01.2018 | KRITIKEN, Theater
Tino Hillebrand (Gustin 28), Irina Sulaver (Suzanne / Zephyr / Loretta), Rudolf Melichar (Gustin 88)

Tino Hillebrand (Gustin 28), Irina Sulaver (Suzanne / Zephyr / Loretta), Rudolf Melichar (Gustin 88)

Copyright Georg Soulek/Burgtheater

WIEN / Vestibül des Burgtheaters:
SATURN KEHRT ZURÜCK von Noah Haidle
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 20. Jänner 2018  

Vor langer, langer Zeit schickte Peter Ustinov in „Endspurt“ seinen Helden im Alter von 80, 60. 40 und 20 Jahren auf die Bühne, und das war, wenn man sich recht erinnert, sehr unterhaltsam. Im Prinzip tut der amerikanische Autor Noah Haidle mit seinem Helden Gustin dasselbe – nur dass dieser dreimal, dreifach, in Sprüngen von 30 Jahren, auf der Bühne erscheint, mit 88, 58 und 28, was auch den Titel „Saturn kehrt zurück“ erklärt. Denn (das Programm hilft da dem Wissen auf die Beine, im Kopf hätte man es nicht gehabt) alle 30 Jahre hat der Saturn die Sonne umrundet und kehrt an seinen Ausgangspunkt zurück. Auch gut. Unterhaltend ist es übrigens nicht geworden – eher lang, und wenn man das nach der Österreichischen Erstaufführung im Vestibül des Burgtheaters bei einer Spieldauer von nur 70 Minuten sagt, dann weiß man, wie viel es geschlagen hat…

Da ist also Gustin, der sehr alte Mann, der 88jährige, der zwar ganz gut allein leben könnte, aber eine junge Betreuerin bezahlt, damit er jemanden zum Reden hat. Er könne doch in ein Heim gehen, meint diese Suzanne, aber er möchte in seinem Haus bleiben – denn da seien die „Schatten“… Die erleben wir dann auch: Gustin, der 28jährige, verheiratet mit Loretta, nicht so richtig glücklich, aber sehr bemüht (was zwischen den beiden vorgeht, hat der Autor nicht so wirklich klar gemacht): Wie wir erfahren, haben die beiden nach dem Besuch eines Symphoniekonzerts ein Kind gezeugt – und Loretta ist daran gestorben.

Und da ist der 58jährige, der seine Tochter Zephyr zu seinem Lebensinhalt gemacht hat und sich ungebührlich an sie klammert. Sie ist zwar verständnisvoll und nett, aber irgendwann will die 30jährige weg. In der Gegenwart des 88jährigen erfahren wir dann im Gespräch mit Suzanne, dass ihr das nicht gut bekommen ist – Zephyr ist in Mexiko gestorben. (Die Geschichte von der Odyssee ihrer Leiche mutet eher gewaltsam und unappetitlich an…)

Wenn nun Gustin die Gewohnheit hat, alle 30 Jahre private Katastrophen zu erleben, möchte man sich nicht vorstellen, wie es zwischen ihm und Suzanne weitergeht, die den alten Mann (als es mit ihrem jungen Freund aus ist) irgendwie ins Auge zu fassen scheint… Im Ganzen fragt man sich, was an diesem tragischen Durchschnittsschicksal für die Bühne so erzählenswert sein sollte. Man tut sich schwer, auch nur Interesse wach zu halten.

Vieles an den Dialogen des Stücks wirkt steif wie raschelndes Papier, die Verlebendigung dieses Leichenbitters ist nicht einfach, aber Regisseurin Sara Abbasi hat in einem geschickten Bühnenbild von Sarah Sassen ihr Möglichstes getan. Wobei die drei Herren nicht wirklich glänzen dürfen – Rudolf Melichar ist 88jährig trocken, Tino Hillebrand 28jährig rat- und hilflos, und nur Peter Knaack darf 58jährig im Kampf um die Tochter etwas Temperament zeigen.

Es ist der Abend der Irina Sulaver, die man im Burgtheater zwar schon des öfteren gesehen hat, aber meist in Nebenrollen, die ihr nicht jene solistische Brillanz abverlangten, die sie hier zeigen darf. Sie spielt alle drei Frauen, sie differenziert die seltsame Gattin, die liebenswerte Tochter, die vernünftige Pflegerin in einem Ton der Selbstverständlichkeit, die den Text möglich macht (was den Männern nicht immer gelingt) und legt dabei ein paar unspektakuläre, aber sinnvolle Umzieh-Kunststücke hin (Kostüme: Leonie Zykan), die den Zuschauer nie im Zweifel lassen, mit wem er es gerade zu tun hat.

Der Abend war schön  traurig, aber doch etwas behäbig in seiner Schwerfälligkeit. Weit temperamentvoller fiel der Applaus des Publikums aus, den auch ein bebrillter Mann entgegen nahm, in dem man zweifelsfrei den Autor vermuten darf.

Renate Wagner