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WIEN / Vestibül des Burgtheaters: TROPFEN AUF HEISSE STEINE

24.11.2018 | KRITIKEN, Theater

Fotos: Burgtheater / Georg Soulek

WIEN / Vestibül des Burgtheaters:
TROPFEN AUF HEISSE STEINE von Rainer Werner Fassbinder
Premiere: 23. November 2018

Nicht das Theater hat Rainer Werner Fassbinder (1945-1982) berühmt gemacht, sondern der Film – bzw. sein Beitrag dazu, seine Fähigkeit, einer brüchigen, morbiden deutschen Gesellschaft blutig bis unter die Haut zu kriechen. In schmerzhaften, bösen, teilweise auch grandios schönen Filmen, in denen er eine eigene Schauspieler-Elite auf die Leinwand brachte.

Die meisten seiner eigenen Theaterstücke hat er selbst verfilmt – nicht hingegen das Frühwerk von 1966: „Tropfen auf heiße Steine“. Das kam überhaupt erst nach Fassbinders Tod 1985 auf die Bühne (da war er  berühmt genug, dass man alles von ihm spielen konnte), und es war der Franzose François Ozon, der es im Jahr 2000 verfilmt hat.

Nun kommt die Homosexuellen-Geschichte, die eine Beziehungstragödie ganz im Fassbinder-Stil ist und in seiner ganzen Exzentrik ausflippt, gleich mehrfach auf die Bühnen – das Deutsche Theater Berlin spielte das Stück im Vorjahr, das Burgtheater zieht nun nach, allerdings am Nebenschauplatz des Vestibüls: ein Vier-Personen-Stück, das an sich nur eine Zimmerdekoration braucht, ist dort leicht unterzubringen. Ob der Name Fassbinder dreieinhalb Jahrzehnte nach seinem Tod noch den Hautgout des Skandals hat, muss sich an der Kasse erweisen…

Homosexualität war sein persönliches Problem und durchzieht Fassbinders Werk. „Tropfen auf heiße Steine“ beginnt ganz als Schwulen-Geschichte: der wohlhabende ältere Mann spricht den hübschen Zwanzigjährigen an, der vielleicht nicht ganz so naiv ist, wie er anfangs tut. Nach und nach gibt Franz der Werbung von Leopold Blum nach (sicher hat Fassbinder an den Leopold Bloom des „Ulysses“ gedacht, obwohl sich ein Zusammenhang nicht erschließt). Für Regisseur Cornelius Edlefsen lag hier der erste Stolperstein in der Realisierung des Stücks – die Verführung, die in Sex mündet, nicht voyeuristisch auszustellen (das wäre doch politisch unkorrekt), aber doch die rasende sexuelle Bindung klar zu machen, die diese beiden Männer zusammen fügt. Anfangs.

Denn schnell wird das Stück zur ganz „gewöhnlichen“ Beziehungsgeschichte, in der die Homosexualität nur am Rande wichtig ist – wenn eine Liebe sich auslaugt, Leidenschaft schal wird, Enttäuschungen überwiegen, Rollenspiele nicht mehr funktionieren, Sado-Maso-Machtrituale immer grausamer werden … Fassbinder ist ein Meister darin, Zerstörung nachzuzeichnen, etwa in Passagen, wo mutwillig Szenen vom Zaun gebrochen werden, mit der Absicht, dem anderen dafür die Schuld zu geben. Hätte sich Fassbinder damit begnügt, dann im quasi „dritten Akt“ den unvermeidlichen, zerfleischenden Untergang der beiden zu zeichnen, das Stück hätte vermutlich mehr Überzeugungskraft.

Aber er führt – sehr spät im Geschehen – die beiden Ex-Frauen der Männer ein, beide ohne einen Hauch von Glaubwürdigkeit oder Überzeugungskraft (die den Männern bei aller Überzeichnung innewohnt), und da kracht die Dramaturgie ebenso zusammen wie die Struktur. Wenn dann kreuz und quer gevögelt wird und eine Leiche übrig bleibt, hat man keine Ahnung, worauf der Autor hinaus wollte. Und der Regisseur hat auch keine Antwort gefunden.

Mit Hilfe der Bühne von Jenny Schleif, wo auf einem durchbrochenen Eisenpodest gespielt wird, unter dem gelegentlich die Damen herumkriechen (warum?), gibt Cornelius Edlefsen der anfangs psychologisch so nachvollziehbaren Geschichte jedenfalls ein irreales Ambiente. Lässt immer wieder in Stilisierung aufzucken, um zu zeigen, dass Fassbinder kein Realist war (und er war es stellenweise doch). Und kann die wacklige Dramaturgie doch nicht retten, wenn die Schauspieler auch wieder den obligaten stürmischen Applaus erhielten.

Dabei überzeugt unter den vieren nur einer wirklich: der junge Christoph Radakovits, den man an der Burg schon des öfteren gesehen hat, aber noch nie so überzeugend wie hier, wo er die schwankenden Gefühle auf und ab spielt, so, als ob er selbst ratlos wäre, was Fassbinder seiner Figur alles auferlegt, dies aber mit Hilfe seiner Persönlichkeit bindet. Für den lüsternen Alten, der sich mehr und mehr als abgefeimter Schweinehund und übler Sexathlet erweist, wirkt Daniel Jesch zu nobel, aber auch zu normal. Man glaubt es ihm nicht.

Alina Fritsch konnte mit der jungen Geliebten von Franz, die dann mit Leopold ins Bett hüpft, so wenig anfangen wie der Autor, und die Vera (Leopolds Ex-Geliebte) wirkt überhaupt wie eine ziellose Verlegenheits-Figur: die ganze Potenz der Stefanie Dvorak macht sie nicht lebendig.

Aber der Malstrom der Beziehungstragödie hat das Publikum offenbar überzeugt…

Renate Wagner

 

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